Ergänzende Informationen zur Pressemitteilung „Schlankere Schulanfänger“ vom 7. September 2011

Stagnation und rückläufige Prävalenzzahlen für Übergewicht und Adipositas bei deutschen Einschulkindern

Aktuelle Auswertungen zur Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei deutschen Einschülern, auf Basis der bundesweit obligaten Schuleingangsuntersuchungen, werden demnächst im European Journal of Pediatrics veröffentlicht (Moß et al. 2011; online verfügbar, Druckdatum noch nicht bekannt).

Der Bericht fasst die Gewichtsdaten von insgesamt 607.444 Einschülern aus den 16 Bundesländern zusammen und bezieht sich im Kern auf Daten der Schuleingangsuntersuchungen aus dem Jahre 2008.

Als Ergebnis der aufwändigen Zusammentragung und Auswertung der Schuleingangsdaten aller Bundesländer, konnte im Vergleich zu einer früheren Auswertung (1) für nahezu alle Bundesländer ein Rückgang der Prävalenzzahlen für Übergewicht und Adipositas beobachtet werden. Die absolute Reduktion der Prävalenzraten beträgt bis zu 3% für Übergewicht und bis zu 1,8% für Adipositas (s.a. Tabelle 1). Hiervon ausgenommen sind Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, wo ein leichter Anstieg zu verzeichnen war.

Tabelle 1: Vergleich der Prävalenzraten für Übergewicht und Adipositas bei Einschulkindern in allen 16 Bundesländern auf der Basis der Datenabfrage 1 (Jahr 2004) und Abfrage 2 (Jahr 2008).

Bundesland / Stadt Abfrage 1: Daten- basis 2004 Abfrage 2: Daten- basis 2008 Prävalenz 2004-2008 [%]
Über- gewicht Adipo- sitas Über- gewicht Adipo- sitas Übergewicht Adipo- sitas
Baden-Württ. 9,3 3,7 9,6 3,7 + 0,3 +/- 0
Bayern 9,0 3,6 8,6 3,4 - 0,4 - 0,2
Berlin 12,0 5,0 11,4 4,5 - 0,6 - 0,5
Brandenburg 11,5 5,1 8,5 3,3 - 3,0 - 1,8
Bremen 12,4 5,3 11,9 4,9 - 0,5 - 0,4
Hamburg 11,8 k.A. 11,4 4,9 - 0,4 k.A.
Hessen 11,3 4,8 10,5 4,3 - 0,8 - 0,5
Meckl.-Vorp. 13,6 6,1 11,8 4,7 - 1,8 - 1,4
Niedersachsen 10,9 4,8 10,0 4,7 - 0,9 - 0,5
Nordrh.-Westf. 11,3 4,8 10,7 4,4 - 0,6 - 0,4
Rheinl.-Pfalz 10,1 3,8 10,9 4,9 + 0,8 + 1,1
Saarland 11,7 5,6 11,6 5,4 - 0,1 - 0,2
Sachsen 9,4 3,9 8,4 3,3 - 1,0 - 0,6
Sachsen-Anh. k.A. k.A. 11,2 4,7 k.A. k.A.
Schlesw.-Holst. 11,0 4,7 9,8 3,9 - 1,2 - 0,8
Thüringen 12,8 5,6 11,9 5,1 - 0,9 - 0,5

Diese Stagnation bzw. Reduktion der Prävalenzzahlen bei Schulanfängern ist erstaunlich, da über viele Jahre - seit Mitte der 80er Jahre - ein deutlicher Anstieg der Befundhäufigkeiten für Übergewicht und Adipositas im Kindesalter zu dokumentieren war.

Zum Beispiel zeigte ein Vergleich von Gewichtsdaten in Ulmer Schulkindern von 1975/76 mit Daten aus dem Jahr 2006 einen 2,5fachen! Anstieg der Zahl Übergewichtiger (2). Dies war eine enorme Zunahme.

Mögliche Gründe für die jetzt rückläufige Entwicklung sehen die Autoren maßgeblich in der Aufklärungsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), ihrer Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) sowie der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG). Auch verschiedene regional oder bundesweit initiierte Präventionsmaßnahmen wie z.B. www.inform.de; www.schuleplusessen.de; www.bzga-kinderuebergewicht.de; www.aid.de/ernaehrungsbildung/ernaehrungsfuehrerschein.php; www.tigerkids.de; www.fitkid-aktion.de; www.ernaehrung-und-bewegung.de sowie die Veröffentlichung von Qualitätsstandards für die Verpflegung in Tageseinrichtungen für Kinder könnten diese Entwicklung mit herbeigeführt haben.

Wissenschaftlich gesicherte wirksame Maßnahmen zur Prävention von Übergewicht sind vor allem die Reduktion des Verzehrs von zuckerhaltigen Getränken und des klassischen Fast Foods (3), die Reduktion des täglichen Medienkonsums sowie die Steigerung der Bewegung im Alltag. Eine besonders wichtige Rolle spielt hierbei die Vorbildfunktion der Eltern (4).

Trotz dokumentierter Stagnation bzw. Rückgang bleiben die Prävalenzzahlen auf einem hohen Level!

 

Prof. Martin Wabitsch: „Die gezeigte Entwicklung der Prävalenzraten bedeutet aber keinesfalls, dass wir unsere Bemühungen zur Prävention von Übergewicht und Adipositas einstellen können. Trotz des dokumentierten Rückgangs bleiben die Prävalenzraten übergewichtiger und adipöser Einschüler in Deutschland auf einem hohen Level“.

Die aktuellen Befundhäufigkeiten für Übergewicht und Adipositas bei Einschülern in Deutschland reichen von 8,4 % in Sachsen bis 11,9 % in Bremen und Thüringen (Übergewicht) bzw. von 3,3 % in Brandenburg und Sachsen bis 5,4 % im Saarland (Adipositas).

Es ist zu beachten, dass der beobachtete Trend nur die Einschüler in Deutschland betrifft. Ob diese Entwicklung ebenfalls für ältere Kinder und Jugendliche zutrifft und ob dieser Trend dauerhaft ist, bleibt unklar.


Ansprechpartner:

Dr. Anja Moß, Prof. Dr. Martin Wabitsch

Sektion Pädiatrische Endokrinologie u. Diabetologie            
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universität Ulm
Eythstr. 24; 89075 Ulm     
Tel: 0731 500 57401
anja.moss(at)uniklinik-ulm.de

 

Literatur

1. Moss A, Wabitsch M, Kromeyer-Hauschild K, Reinehr T, Kurth BM. [Prevalence of overweight and adiposity in German school children]. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2007 Nov;50(11):1424-31.


2. Nagel G, Wabitsch MKA, Galm C, Berg S, Brandstetter S, Fritz M, et al. Secular changes of anthropometric measures for the past 30 years in South-West Germany. Eur J Clin Nutr2009 Aug 19;63(12):1440-3.

3. Empfehlungen zum Verzehr zuckerhaltiger Getränke durch Kinder und Jugendliche. Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ); Ernährungskommission der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ); Ernährungskommission der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie (SGP). Monatsschrift Kinderheilkunde 2008 Volume 156, Number 5, 484-487, DOI: 10.1007/s00112-008-1748-1

4. Wabitsch M, Moss A. et al., 2009. Evidenz-basierte Leitlinie zur Therapie der Adipositas im Kindes- und Jugendalter (S3-Leitlinie). www.a-g-a.de und www.leitlinien.net.