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Bei den German Doctors in Kalkutta

18.06.2012


Warteschlangen vor der mobilen Ambulanz in Bojerhat. Diese Ambulanz der German Doctors außerhalb Kalkuttas kommt der Land­bevölkerung örtlich entgegen und erfährt großen Zulauf aus den Dörfern der Region. Ärzte ohne Grenzen betreibt zudem sechs weitere Ambulanzen in der Doppelstadt Kalkutta / Howrah und Umgebung.

Dr. med. Jan Däbritz ist Kinder- und Jugendarzt am Interdisziplinären Zentrum für klinische Forschung (IZKF) / Institut für Immunologie des Universitätsklinikums Münster. Däbritz berichtet hier über seinen Einsatz bei den German Doctors in Kalkutta.

Die Hilfsorganisation Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors e.V. - entsendet seit 1983 jedes Jahr etwa 50 deutsche Ärztinnen und Ärzte nach Indien. Der Frankfurter Verein stellt dort in den Slums der Doppelstadt Kalkut­ta/Howrah die notwendigen Voraussetzungen und Medikamente für die medizinische und sozia­le Versorgung der Armen kostenlos bereit.

In den einfachen Ambulanzen der Ärzte für die Dritte Welt drängen sich Tag für Tag über 300 zum Teil schwerkranke Patienten, die eine lange und anstrengende Anfahrt und Wartezeit in Kauf nehmen, da sie sonst keinen Zugang zu einer ärztlichen Versorgung hätten. Sechs deutsche Ärztinnen und Ärzte arbeiten jeweils abwechselnd für sechs Wochen gleichzeitig im Projekt.

Ihre Arbeit umfasst dabei sowohl die Behandlung von Infektionskrankheiten (z.B. Tuberkulose, Lepra, Malaria, Ty­phus, Skabies und HIV) und chronischen Erkrankungen (z.B. Herzvitien, COPD, arterieller Hypertonus, Diabetes mellitus, Anfallsleiden) als auch wichtige basismedizinische Aspekte (z.B. Kontrazeption/Schwangerenvorsorge, Unter­/Ernährung, Impfprogramm, Vitamin­ und Spurenelement­Mangel). Alle Ärztinnen und Ärzte arbeiten dabei unentgeltlich und zahlen noch eine Eigenbeteiligung in der Höhe von mindestens den halben Flugkosten. Vor Ort werden die Ärztinnen und Ärzte in allen medizinischen und organisatorischen Fragen durch den deutschen Internisten Tobias Vogt unterstützt, der das Projekt bereits seit 12 Jahren vor Ort leitet.

Die Zusammenarbeit erfolgt zudem mit entsprechend weitergebildeten einheimischen Mitarbeitern (Schwestern, Apothekenkräfte, Fahrer etc.), die die Kontinuität des Projektes sicherstellen und mit der lokalen Kultur, Sprache und Religion der Patienten vertraut sind. Dank einer Spendenaktion konnte zu Beginn dieses Jahres in Zusammenarbeit mit einer lokalen Organisation, Howrah South Point, sogar eine neue eigene Kinderstation des Vereins Ärzte für die Dritte Welt in Kalkutta eröffnet und damit das Hilfsangebot für die Armen in den Slums von Kalkutta und der Nachbarstadt Howrah deutlich verbessert werden. Voraussetzung dafür war, dass, wie bei Ärzte für die Dritte Welt üblich, sämtliche Spenden nahezu vollständig in den Projekten eingesetzt werden können, da die Verwaltungsarbeit entweder ehrenamtlich geleistet oder von einem separaten Förderkreis finanziert wird.

Kalkutta ist derzeit eine der wirtschaftlich aufstrebenden Städte Asiens, dennoch leben die meisten der 14 Millionen Einwohner des Ballungsraumes unter den unwürdigsten Bedingungen. Die zumeist illegal errichteten Slums von Kalkutta sind völlig überbevölkert und stehen im Monsun regelmäßig unter Wasser. Großfamilien mit mehreren Kindern leben meist in nur einem winzigen Raum, in dem an kleinen Feuerstellen auch noch gekocht wird. Grundnahrungsmittel ist Reis – für Fleisch, Fisch, Eier oder Obst reicht das Geld oft nicht. Die Was­ser­ und Stromversorgung sowie die Entsorgung von Abwasser und Müll sind desaströs bis nicht existent. Ein Schulbesuch ist zu teuer; stattdessen müssen viele Kinder bereits arbeiten. Folge der extremen Überbevölkerung, der armutsbedingt einseitigen Ernährung und der prekären hygienischen Zustände in Kalkutta ist eine Vielzahl von Krankheiten und vor allem auch Unterernährung. Die wenigen staatlichen Krankenhäuser sind oft hoffnungslos überfüllt und bieten nur gegen Geld eine adäquate medizinische Behandlung. Sehr viele Slumbewohner haben sogar keinerlei Zugang zu einer medizinischen (Grund­) Versorgung, sondern können stattdessen bestenfalls Quacksalber aufsuchen.

In dem Buch „Stadt der Freude“ von Dominique Lapierre und dem gleichnamigen Film über Kalkutta heißt es: „Man weint, wenn man nach Kalkutta kommt und man weint, wenn man geht."

Es ist natürlich eine Illusion zu glauben, dass die medizinische Hilfe von deutschen Ärztinnen und Ärzten in Kalkutta eine Änderung der dortigen Zustände bewirken kann. Dennoch zählt die Hilfe für jeden einzelnen Menschen.

 

Dr. Jan Däbritz, Münster

Weitere Informationen: 
www.aerzte3welt.de

Spendenkonto: 
Ärzte für die Dritte Welt e. V.,
Konto 4888880,  Bankleitzahl 52060410,
Evangelische Kreditgenossenschaft

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