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Brauchen wir eine Migrantenmedizin?
26.05.2009
Viele Patienten von Kinder- und Jugendärzten haben einen Migrationshintergrund, rund 4 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland haben zumindest einen ausländischen Elternteil. Jedes 4. Neugeborene ist das Kind nicht-deutscher Eltern. Der hohe Ausländeranteil unter den pädiatrischen Patienten ist nicht nur quantitativ bemerkenswert, sondern zeigt auch fachliche und soziale Auswirkungen auf die Kinder- und Jugendmedizin.
Prof. Dr. Hansjosef Böhles hat daher das Thema „Migrantenmedizin“ zu einem Schwerpunkt des diesjährigen Kinder- und Jugendärztekongresses im September gemacht. Der Tagungspräsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) weiß um die politische Brisanz des Begriffs, aber auch um die wissenschaftliche Notwendigkeit: “Ausländische Kinder haben tatsächlich andere Gesundheitsprobleme als ihre deutschen Altergenossen. Wir werden seit einigen Jahren mit Erkrankungen konfrontiert, die in Deutschland bislang überaus selten waren und deren Diagnose – aufgrund des seltenen Auftretens – Probleme bereiten, wenn wir Kinder- und Jugendärzte nicht über die speziellen Gesundheitsprobleme einzelner Migranten-Gruppen Bescheid wissen.“
So gibt es besondere angeborene Stoffwechselerkrankungen, die vorwiegend bei Kindern aus der Türkei, aus dem Nahen und Fernen Osten und aus Marokko anzutreffen sind. Der Grund: die in diesen Regionen noch häufigen Verwandten-Ehen. Tuberkulose ist bei unter 5-Jährigen mit Migrationshintergrund fast 8 x so häufig wie bei deutschen Kleinkindern.
Neben typischen Erkrankungen sind bei Zuwandererkindern auch besondere Mangelerscheinungen zu bemerken: So gibt es eine spezielle Form der Unterversorgung mit Calcium, die sich über Knochenschmerzen bemerkbar macht und hauptsächlich bei peripubertären Mädchen aus Pakistan oder Afghanistan auftritt. In Fachkreisen wird diese Mangelerscheinung bereits als „Migranten-Rachitis“ bezeichnet.
Diese medizinischen Aspekte sind von dem kulturellen, sozialen und religiösen Kontext des Kindes nicht zu lösen. Prof. Böhles, der die Universitäts-Kinderklinik in Frankfurt am Main leitet, kennt die Probleme, die die Routine im Klinikalltag erschweren können: „Es sind nicht nur sprachliche Schwierigkeiten, die wir lösen müssen, sondern auch Probleme im Umgang. Z.B. lassen wir die körperliche Untersuchungen eines Patienten mit erkennbar hoher Schamschwelle, wenn irgend möglich, durch einen gleichgeschlechtlichen Arzt vornehmen. Die Tabuisierung von Nacktheit und Berührung beginnt aber schon sehr früh, manchmal bereits im Kleinkindalter.“
Die Kenntnis um die kulturellen Besonderheiten und ihre Berücksichtigung bei der Behandlung habe entscheidenden Einfluss auf den Verlauf einer Therapie, sagt Böhles, wobei eine mangelnde Compliance aber auch an der Überzeugung liegen könne, die Krankheit sei schicksalhaft und daher anzunehmen. Die kulturelle Kompetenz des Kinder- und Jugendarztes ist in einem solchen Fall extrem gefordert.
„Migrantenmedizin“, „Transkulturelle Pädiatrie“ oder „Transkulturalität in der Pädiatrie“ – der gesamte Themenkomplex muss Eingang finden in die fachliche Qualifizierung der Kinder- und Jugendärzte, damit Verständigungs- und Verständnisprobleme nicht zu Lasten der Gesundheit des Kindes gehen, betont Prof. Dr. Böhles.
Der diesjährige Kinder- und Jugendärztekongress der DGKJ vom 3.-6. September in Mannheim nimmt die Transkulturelle Pädiatrie als Schwerpunktthema für mehr als 3.000 erwartete Teilnehmer auf.
Weitere Infos zum Kongress: www.dgkj2009.de
Alle Zahlenangaben: Statistisches Bundesamt, KIGGS/RKI.
Journalistinnen und Journalisten sind auf dem Kinder- und Jugendärztekongress wieder sehr willkommen und können sich ab sofort akkreditieren.
Pressekontakt:
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ)
Dr. Sybille Lunau | Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Chausseestr. 128/129 | 10115 Berlin
Tel.: +49 30 3087779-14 | Fax: +49 30 3087779-99
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