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Meldungsarchiv
„Gesundes Aufwachsen“ - eine Bestandsaufnahme der Kinderkommission
10.02.2011

Die Kinderkommission
Fast neun Jahre ist es her, dass sämtliche im Deutschen Bundestag vertretenen Fraktionen einen gemeinsamen Beschluss fassten: Die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen sollte nachhaltig gesichert und verbessert werden. Am 26. Januar 2011 lud die Kinderkommission des Deutschen Bundestags unter Leitung von Marlene Rupprecht, MdB, fünf Experten zur öffentlichen Anhörung in Berlin ein: Prof. Dr. Fred Zepp als Präsident der DGKJ, Dr. Ulrich Fegeler (BVKJ), Prof. Dr. Michael Straßburg (Dt. Ges. für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin), Dr. Thomas Lampert (Robert-Koch-Institut) und Dr. Wolfgang Niemeyer (AG Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen) wurden gebeten, bereits Erreichtes, aber auch noch bestehende Lücken und Defizite klar zu benennen.
Die vielfältigen Faktoren der Kindergesundheit und der pädiatrischen Versorgung wurden im Juni 2002 in Form eines Forderungskatalogs an die Bunderegierung recht umfassend beschrieben, die Palette reichte von der „Schlüsselfunktion des Pädiaters“ über die Verbesserung der Arzneimittelsicherheit und Prävention bis zur fachgerechten Kinderkrankenpflege.
DGKJ-Präsident Zepp stellte fest, dass die Bundesregierung in den letzten Jahren vieles auf den Weg gebracht habe, dass einige der Themen von 2002 aber nach wie vor der politischen Lösung bedürfen wie etwa die Arzneimittelsicherheit bei Kindern. Anders als im europäischen Ausland gibt es in Deutschland keine Infrastruktur für Arzneimittelstudien mit Kindern mehr. Die Investition in ein zentrales Studiennetzwerk sei aber, verglichen mit anderen staatlichen Ausgaben, mit 4 Millionen Euro relativ gering und würde eine enorme Effizienz und Wirkung zeigen, von der junge Patienten mit seltenen Erkrankungen sowie die pädiatrischen Patienten als Gesamtheit profitieren würden. Prof. Zepp thematisierte weiter die Versorgung der Kinder und Jugendlichen mit seltenen und/oder chronischen Erkrankungen und wies in diesem Zusammenhang auf die unzureichende Finanzierungssituation der Spezialambulanzen hin. Die DGKJ mahnt für alle Spezialambulanzen, nicht nur für die, die über Ermächtigungen organisiert sind, eine Lösung analog zu § 120 Abs. 1a SGB V an.
Insgesamt wies Fred Zepp auf den großen Bedarf nach fachgerechter und präziser Versorgungsforschung auch in der Pädiatrie sowie die noch ungeahnten Möglichkeiten primärpräventiver Maßnahmen pränatal und in der Säuglings- und Kleinkindzeit hin.
(Prof. Zepps Präsentation ist hier auf der DGKJ-Website veröffentlicht).
Bildung als feste Säule der Primärprävention – diese ausdrücklich nicht-medizinische Positionierung gab Ulrich Fegeler vom BVKJ den Politikern mit auf den Weg. Zwischen dem 2. und dem 5. Geburtstag würden die entscheidenden Weichen gelegt für gesundheitsbewusstes Verhalten, für Medienkompetenz und die Gesundheit im Erwachsenenalter. Fegeler bedauerte die Kürzungen im Öffentlichen Gesundheitsdienst, die insbesondere zu Lasten der Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen gingen.
Den Zusammenhang von Gesundheitsentwicklung und Bildungs- und Sozialstatus konnte Dr. Lampert vom RKI anhand der KiGGs-Daten untermauern. Ergänzend erläuterte er die immens verbesserten gesundheitlichen Perspektiven, die ein Kind mit dem Besuch weiterführender Schulen und dann auch unabhängig von der Situierung des Elternhauses erreichen würde. Dr. Lampert kündigte zudem neue Daten der Kinder- und Jugendgesundheit an, wenn 2012 die Nachfolgedaten zum Survey erscheinen. Damit ist erstmals ein flächendeckendes Gesundheitsmonitoring von Kindern und Jugendlichen denkbar.
Prof. Straßburg und Dr. Niemeyer beklagten die Bürokratisierung bei Rehabilitationsmaßnahmen chronisch kranker Kinder, denn bei der Antragstellung wirkt sich auch hier ein niedriger Bildungsstatus der Familie als Barriere aus. Gerade die besonders Bedürftigen bekämen so nicht die nötige Unterstützung. Als Lösung forderten beide Experten eine Vereinfachung der Bewilligungspraxis.
Die von den geladenen Kinder- und Jugendärzten angesprochenen Aspekte verlängerten die Sitzung auf drei Stunden intensiven Austauschs. Einige der angesprochenen Themen erwiesen sich als bereits fest im Themenplan der Kinderkommission verankert, wie z.B. ADHS oder Ausbildungsfragen der Kinderkrankenpflege. Andere Aspekte wie Hausarztmodelle, Kostenfinanzierungsfragen, Werbebeschränkungen für Süßigkeiten (s. Pressemeldung der DGKJ „Werbung schauen macht Kinder dick“, Oktober 2010) und Förderung der Elternkompetenz konnten dabei nur angerissen werden.
Neben den Mitgliedern der Kinderkommission nahmen weitere Bundestagsabgeordnete und Mitarbeiter verschiedener Gremien und Ministerien an der Sitzung teil. Genau diese Interdisziplinarität von Familien-, Forschungs-, Bildungs- und Gesundheitspolitik aber, das machte die Bilanz der Kinder- und Jugendärzte deutlich, ist unverzichtbar für eine Verbesserung der gesundheitlichen Situation aller Kinder in Deutschland.
Dr. Sybille Lunau
DGKJ-Geschäftsstelle