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RTL-Sendung "Erwachsen auf Probe"

20.05.2009

Der Sender RTL wird ab 3. Juni 2009 ein neues TV-„Format“ mit 7 Folgen starten, in dem vier Teenager-Paare „in einem einmonatigen Experiment … einen Crashkurs zum Erwachsenen-Dasein ... absolvieren“, wie es in der RTL-Pressemappe heißt.

RTL erläutert weiter: „Jedes Paar zieht während des Experiments in das erste eigene Haus in einer kleinen, ruhigen Vorstadtsiedlung. In direkter Nachbarschaft wohnen die drei übrigen Paare. Zusammen testen sie das „wahre Leben“: Geld verdienen, den ganzen Haushalt führen und das Zusammenleben erfolgreich meistern. Dann überlassen vier Familien aus ganz Deutschland für vier Tage den Teenagern das Schönste, was sie besitzen: ihre Babys. Nun erleben die Teenager erstmals am eigenen Leib, was es bedeutet, einen Säugling rund um die Uhr zu versorgen. Jedes Haus ist mit Überwachungskameras ausgestattet. Die leiblichen Eltern können ihre Babys 24 Stunden am Tag aus dem gegenüberliegenden Haus beobachten und das Experiment jederzeit abbrechen. Zusätzlich sorgen erfahrene Erzieherinnen Tag und Nacht in jedem Haus für die absolute Sicherheit der Kinder. Eine Kinderpsychologin und eine Ärztin sind ebenfalls vor Ort und für den Notfall gibt es Hilfe von Expertin Katja Kessler. Sie beobachtet die Teenager auch und entscheidet, ob sie reif genug sind, sich um ein kleines Kind zu kümmern. Außerdem gibt sie den Paaren Tipps und Hilfen bei ihren neuen Aufgaben. Nachdem sich die Teenagerpärchen einige Tage um die Babys kümmern durften, bekommen sie Kleinkinder zur Fürsorge. Nach den Kleinkindern erwartet die Teenager Besuch von Schülern, anschließend zieht die letzte Gruppe in die Häuser: die Jugendlichen.“ So lautet der Originaltext der RTL-Pressemappe zu dieser neuen Fernsehserie.

Man muss nicht Kinderarzt sein, um hier entsetzt zurückzuschrecken. Offenbar verknüpfen sich hier die Interessen der Fernsehmacher, die ihre TV-Quoten im Auge haben, mit dem Wunsch der Teenager, als Fernsehstars bekannt zu werden, und mit dem kaum nachvollziehbaren Interesse der leiblichen Eltern der „Leihkinder“, ihre Sprösslinge ins Fernsehen zu bringen. Über mögliche finanzielle Anreize für Teenager und Eltern kann man nur spekulieren.

Bleibt die Frage: wer vertritt hier eigentlich die Interessen der Kinder? Das Einverständnis der Schüler und Jugendlichen wird man einholen können, aber die Säuglinge und Kleinkinder, die von ihren Familien getrennt und in diesem „Experiment“ untergebracht werden, können dazu nichts sagen – sie sind Objekte in einer sensationsgierigen Medienmaschinerie.

Für Säuglinge und Kleinkinder noch stärker als für ältere Kinder und Jugendliche ist eine starke, stabile sozio-emotionale Beziehung zu einer ständig verfügbaren Bezugsperson von entscheidender Bedeutung für eine normale Persönlichkeitsentwicklung. Bindungsverhalten beruht auf genetischer Veranlagung, entwickelt sich in den ersten Lebensjahren und veranlasst das Kind, bei Schmerz, Angst, Bedrohung den Schutz bei der Bezugsperson zu suchen. Diese Bezugsperson muss nicht die Mutter sein, für eine sichere, gesunde Bindungsentwicklung des Kindes stellt aber die verlässliche Verfügbarkeit einer oder mehrerer Bezugspersonen einen wesentlichen Faktor dar. Es mag Säuglinge und Kleinkinder mit so robuster Veranlagung geben, dass sie ein solches „Kidnapping“, wie RTL es hier plant, ohne bleibende Beeinträchtigung überstehen – aber das Risiko, dass hier kleine Kinder seelischen Schaden nehmen und in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gestört werden, ist immens. Eine angenehme Erfahrung wird es mit Sicherheit für keines der in dieses „Experiment“ versetzten Kinder werden.

Das Einverständnis der leiblichen Eltern ist da leider kein Gegenargument: Wir erleben täglich, was überforderte, schlichte und rücksichtslose Eltern ihren Kindern an Misshandlungen und Vernachlässigung zumuten.

Jedes wissenschaftliche Experiment, jede medizinische Forschung an Kindern ist heute an die Zustimmung durch Ethik-Kommissionen gebunden, die derartige Projekte sehr kritisch prüfen. Wo bleibt die Ethik-Kommission für Medien, die Kinder vor den „Experimenten“ quotengieriger Fernsehmacher und der Rücksichtslosigkeit ihrer Eltern schützt?

Den TV-Programmgestaltern muss dies neue Format freilich als famose Idee erscheinen. Man sieht schon die Anschlusssendungen heraufziehen: Demente Alte werden an Familien verliehen, um zu schauen, ob diese der Sache denn gewachsen sind, Sterbenskranke werden in Vororthäuser unter Überwachungskameras gekarrt, um die „Gastfamilien“ auf ihre Belastbarkeit und Pflegegüte hin zu examinieren.

All dies erfolgt im heuchlerischen Gewande der Aufklärung und Belehrung des Publikums. Da stehen wieder die Worte von Theodor W. Adorno im Raum: Das Publikum hat ein Recht darauf, nicht betrogen zu werden, auch wenn es betrogen werden will.

Prof. Dr. Knut Brockmann, für die DGKJ

(erstellt für urbia.de am 4. Mai 2009)

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