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Meldungsarchiv
Gedenken - und kein bloßes Ritual
02.05.2011
Aus: Deutsches Ärzteblatt, Jahrgang 108, Heft 14 vom 8. April 2011, S. A76
Rubrik BRIEFE
NS-Zeit: Kein Ritual
Die Fachgesellschaften der Kinderärzte (DGKJ) und der Psychiater (DGPPN) haben sich in Erklärungen zur Beteiligung von Ärzten an fragwürdigen Experimenten, Zwangssterilisation und tausendfachen Krankenmorden bekannt (DÄ 1–2/2011: „Krankenmorde in der NS-Zeit: Das Bußritual der Psychiater“ von Norbert Jachertz und DÄ 45/2010: „Kinderheilkunde in der NS-Zeit: Sozialsanitäres Großprojekt – Arzt am ,Volkskörper‘“von Hans-Walter Schmuhl).
"Mit Interesse habe ich den Beitrag von Norbert Jachertz zur Kenntnis genommen und sehe darin die Bemühung einer weiteren medizinischen Fachgesellschaft um eine (wenn auch späte) Auseinandersetzung mit den Verbrechen in der NS-Zeit, an denen auch Ärztinnen und Ärzte aus der Psychiatrie beteiligt waren.
Befremdlich ist allerdings die Wortwahl in der Überschrift des Beitrags. Der Terminus „Bußritual“ ist völlig unpassend und irreführend. Weder können die heute aktiven Psychiater für nicht selbst begangene Verbrechen „büßen“, quasi als nachgeschobene „Dienstleistung“ für andere, noch erfolgt die Auseinandersetzung mit diesem bitteren Thema ritualisiert. Wenn dies so wäre, verdiente es Kritik.
Die gilt auch für bereits länger zurückliegende Intentionen der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin (DGKJ). Die DGKJ war die erste medizinische Fachgesellschaft, die sich vergleichsweise frühzeitig und umfänglich mit diesem Thema befasst hat. Beispielgebend hierfür sind die Publikationen von Prof. Dr. Eduard Seidler (Freiburg) zu diesem Thema (siehe DÄ 19/2010; S. A 941/ B 823/C 811).
Als Präsident der 106. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin vom 16. bis 19. September 2010 in Potsdam möchte ich betonen, dass es der DGKJ ein wesentliches Anliegen war und ist, sich mit den Verstrickungen zum Teil namhafter Kinderärzte in die Naziverbrechen zu befassen. Ein inhaltlicher Höhepunkt der Tagung war deshalb eine themenbezogene Gedenkveranstaltung am 18. September 2010, auf die auch der Autor in seinem Beitrag hinweist . . . Jeder der Anwesenden hat diese Veranstaltung mit einem Höchstmaß an Emotionen wieder verlassen.
Weder die DGKJ noch die Kolleginnen und Kollegen aus der Psychiatrie können damit einverstanden sein, dass man ihre dringend notwendigen (!) Anstrengungen, sich mit der Verstrickung ihrer früheren Kollegen in die nationalsozialistische Gewaltherrschaft auseinanderzusetzen, mit einem „Bußritual“ gleichsetzt . . ."
Prof. Dr. med. Michael Radke,
Klinikum Ernst von Bergmann gGmbH,
14467 Potsdam