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Meldungsarchiv
Gedenkort für Opfer der NS-Kinder-"Euthanasie" in Leipzig eröffnet
09.05.2011
Im Leipziger Friedenspark wurde zur Erinnerung an die Mädchen und Jungen, die in den "Euthanasie"-Programmen der NS-Zeit ermordet wurden, ein Landschaftsgarten gestaltet. PD Dr. Thomas Beddies, Historische Kommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und Kurator der Ausstellung "Im Gedenken der Kinder", vertrat die DGKJ bei der Feierstunde am 6. Mai 2011.
Auszüge aus dem Grußwort von PD Dr. Thomas Beddies
"… Die Würde des Menschen zu achten; das Wohl des Kranken voranzustellen, ihm nicht zu schaden und sein Leben zu erhalten, als Arzt vertrauenswürdig zu sein – das sind, meine Damen und Herren, Grundsätze und Forderungen, denen sich jeder Mediziner im Umgang mit seinen Patienten immer und überall verpflichtet fühlen sollte. In der Zeit des Nationalsozialismus war das allzu oft nicht der Fall.
Die in den vergangenen Jahren erarbeiteten wissenschaftlichen Befunde belegen vielmehr, dass auch und in besonderer Weise Kinderärzte die Antastbarkeit der körperlichen Unversehrtheit ihrer Patienten zugunsten vermeintlich höherer Werte als Handlungsoption für sich in Anspruch genommen und umgesetzt haben. Rechtliche Konsequenzen hatten sie nicht zu fürchten.
In einer Gedenkveranstaltung anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin im September 2010 in Potsdam bekannte Herr Prof. Zepp namens der Gesellschaft die geistige Miturheberschaft und das aktive Mittun von Kinderärzten an diesen Verbrechen (…) Auch hier in Leipzig, in der Psychiatrie in Dösen und in der renommierten Universitätskinderklinik unter Werner Catel.
In Potsdam unternahm die DGKJ einen bedeutsamen und schwierigen Schritt zur Erhellung und Aufarbeitung der Geschichte der Kinderheilkunde in den Jahren zwischen 1933 und 1945. Sie erinnerte an die minderjährigen Opfer des menschenverachtenden Programms von „Auslese und Ausmerze“ der NS-Medizin und gedachte der Kinder und Jugendlichen, die aus der so genannten Volksgemeinschaft ausgegrenzt, die asyliert und sterilisiert wurden, die für Menschenversuche missbraucht und zu Tausenden in die Krankenmordaktionen des Zweiten Weltkriegs einbezogen wurden.
Diese Krankenmorde nahmen hier in Leipzig ihren Anfang, als bereits im Sommer 1939 nach der Begutachtung durch Werner Catel mit dem sog. Kind K. zum ersten Mal ein kleiner Junge durch Hitler zur „Einschläferung“ freigegeben wurde. Catel zählte dann neben dem Kinder- und Jugendpsychiater Hans Heinze aus Brandenburg (der hier in Leipzig bei Paul Schröder gelernt hatte) und dem niedergelassenen Kinderarzt Ernst Wentzler aus Berlin zu den drei Gutachtern der Kinder-„Euthanasie“. Alle drei waren nach dem Krieg übrigens weiterhin in ihren Berufen tätig. Neben anderen Faktoren spielte hier der „normale“ akademisch-berufsständische Zusammenhalt wohl ebenso eine Rolle wie kriminelle Komplizenschaft und das dünkelhafte Bewusstsein der Ärzte, einer Avantgarde weitgehend verantwortungsfreier Wissenschaftler angehört zu haben.
Bei den zahllosen Opfern der Jahre 1939 bis 1945 handelte es sich um kranke und behinderte Knaben und Mädchen, die von Ärzten und Erziehern nicht nur als Patienten oder als schutzbefohlene Heimzöglinge für fragwürdige Experimente in Anspruch genommen, die deportiert und umgebracht wurden. Vielmehr wurde hier ebenso die allzeit bestehende Abhängigkeit des Kindes vom Erwachsenen, wurde also der Vertrauensvorschuss, den das Kind zu gewähren gezwungen ist, durch Ärzte und Pfleger in infamer Weise missbraucht. Und auch die Eltern und Angehörigen wurden getäuscht: sie gaben ihre Kinder häufig in der Hoffnung auf eine moderne, Erfolg versprechende Behandlung in die Hände der Täter. Mehr als 10.000 Kinder und Jugendliche wurden bis 1945 Opfer der verschiedenen Programme zur Vernichtung sog. „lebensunwerten Lebens“; viele von ihnen wurden von Kinderärzten gemeldet, begutachtet, für Experimente herangezogen und getötet.
Dabei stellte der Nationalsozialismus Ärzte und Forscher weitgehend frei von ihrer Verantwortung gegenüber ihren Patienten und Probanden, indem er vermeintlich höhere Werte und Interessen des Volksganzen in den Vordergrund stellte. Wir haben uns der Tatsache zu stellen, dass viele Ärzte nicht die Kraft aufbrachten, den Versuchungen zu begegnen, die aus dieser – an sich ja gar nicht möglichen – Freistellung erwuchsen. Sie haben damit schwerste Schuld auf sich geladen
Wir haben diese Taten in einer Ausstellung „Im Gedenken der Kinder“ dokumentiert, von der wir hoffen, Sie Ihnen noch in diesem Jahr auch in Leipzig, in der Parkklinik, präsentieren zu können.
Zweifellos ist es schmerzlich, geschichtliche Tatsachen rückhaltlos offen zu legen und Licht in das Dunkel der eigenen Vergangenheit zu bringen. Die Wahrheit anzunehmen, Schuld zu bekennen und sich der Verantwortung zu stellen ist aber gleichzeitig, davon sind wir überzeugt, die ehrlichste Art der Entschuldigung bei den Opfern und ihren Angehörigen, von denen nicht wenige noch heute unter den Ereignissen leiden.
Wir freuen uns und zollen Ihnen Respekt dafür, dass sich die Stadt Leipzig entschlossen hat, mit einem repräsentativen und gestalterisch höchst überzeugenden Gedenkort der minderjährigen Opfer NS-Medizin zu gedenken. Und wir sehen darin eine Möglichkeit, aus der Einsicht in die Vergangenheit für die Gegenwart und die Zukunft zu lernen. (…)"