Wahlprüfsteine der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ)

Aus dem Brief von Prof. Dr. med. Fred Zepp, Präsident der DGKJ, an die im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien/Fraktionen im Juli 2009:

In der heutigen Zeit unterliegt das Gesundheitswesen in zunehmendem Umfang wirtschaftlichen Restriktionen, die sowohl die Rahmenbedingungen der medizinischen Grundversorgung, mehr noch aber die Erhaltung und Weiterentwicklung der hochqualifizierten Pädiatrie in universitären Einrichtungen beeinträchtigen. Die zukünftige strukturelle Entwicklung unseres Gesundheitswesens wird im Wesentlichen durch die gesundheitspolitischen Positionen und Ziele der politischen Parteien bestimmt. Vor der nun anstehenden Bundestagswahl bitten wir Sie, zu den nachfolgenden Themenkomplexen der Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zusätzlich zu den von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) gestellten Fragen Stellung zu nehmen. Wir werden Ihre Antworten unseren Mitgliedern über eine Veröffentlichung auf der Website (www.dgkj.de) zur Kenntnis bringen.

Sicherstellung der universitären Kinder- und Jugendmedizin

Als Zentren der Hochleistungsmedizin stellen Universitätskliniken die hoch spezialisierte medizinische Versorgung in Deutschland sicher, sie sind zudem Garanten für Fortschritt und Innovation. Die Ausbildung zukünftiger Medizinergenerationen ruht auf den Schultern der universitären Einrichtungen, und in zunehmendem Maße findet die fachärztliche Weiterbildung bevorzugt in Universitätskliniken und damit verbundenen großen akademischen Lehrkrankenhäusern statt.

Die Entwicklung der universitären Kinder- und Jugendmedizin unter den ökonomisch restriktiven Rahmenbedingen des deutschen Gesundheitswesens gibt Anlass zur Sorge. Infolge der wachsenden Ressourcenverknappung hat die universitäre Pädiatrie zunehmend Probleme, ihrem Auftrag in Forschung und Lehre neben der Bereitstellung einer hochqualifizierten Krankenversorgung gerecht zu werden. Systembedingt bleiben Leistungen wie die Implementierung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse in klinische Diagnostik und Therapie bei den Kalkulationen der DRG-Entgelte unberücksichtigt. Ebenso sind die wachsenden Aufgaben in der fachärztlichen Weiterbildung ungenügend finanziert.    

Die DGKJ erwartet ein stärkeres öffentliches Engagement in der Zukunftssicherung unserer Universitätskliniken. Andere europäischen Staaten wie z.B. die Niederlande  haben erfolgreich Finanzierungsmodelle für Hochleistungsmedizin und universitäre Fachweiterbildung außerhalb der Krankenkassen-Finanzierung entwickelt. Investitionen in die pädiatrische universitäre Hochleistungsmedizin verbessern nicht nur die Versorgung unserer Kinder und Jugendlichen, sondern stellen Investitionen in die Lebensqualität und den Wohlstand zukünftiger Generationen dar.

Teilen Sie uns bitte mit:
Welche Maßnahmen wollen Sie ergreifen, um die universitäre Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland nicht nur auf ihrem hohen Niveau zu erhalten, sondern auch in Zukunft international wettbewerbsfähig weiter zu entwickeln?

Welche Lösungsansätze verfolgen Sie, um die durch DRGs nur unzureichend refinanzierten Kosten innovativer Hochleistungsmedizin in der Krankenversorgung sicherzustellen und damit Fortschritt in der medizinischen Versorgung zu erhalten?

Thema Generationenübergreifende Prävention

Prävention ist die zentrale Aufgabe von Kinder- und Jugendärzten/innen. Prävention beschränkt sich dabei keinesfalls auf die Sicherstellung regelmäßiger Früherkennungsuntersuchungen. Aktuelle Forschungsergebnisse aus der pädiatrischen Grundlagenforschung belegen, dass präventive Interventionen in kritischen Zeitabschnitten der Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern das Potential haben, die physische und mentale Entwicklung bis in das Erwachsenenalter nachhaltig positiv zu beeinflussen. Viele so genannte Volkskrankheiten wie Bluthochdruck, koronare Gefäßkrankheit oder metabolisches Syndrom, deren Inzidenz in den letzten Jahrzehnten besorgniserregend zugenommen hat, können durch konsequenten Einsatz moderner Präventivkonzepte der Kinder- und Jugendmedizin verhindert oder zumindest gelindert werden. Nachhaltige Prävention von chronischen Krankheiten des Erwachsenalters gründet auf präventiven Maßnahmen im Kindes- und Jugendalter. Hier liegen ungeahnte Möglichkeiten der vorbeugenden Medizin, deren positive Folgen sich erst über mehrere Generationen realisieren werden.

Die Entwicklung und Einführung einer wissenschaftlich begründeten Primärprävention setzt die Finanzierung von Forschung, wie auch Investitionen in Gesundheitsaufklärung und -bildung voraus. Welche Maßnahmen und Mittel werden Sie einsetzen, um Primärprävention im Kindes- und Jugendalter konsequent und nachhaltig zu fördern?

Thema Arzneimittelsicherheit bei Kindern

Ein großer Teil der in der Pädiatrie verwendeten Arzneimittel muss heute unzureichend geprüft (off label use) eingesetzt werden; die DGKJ setzt sich seit Jahren für eine Verbesserung der Arzneimittelsicherheit bei Kindern und Jugendlichen ein. Auch der Deutsche Bundestag hat am 27.06.2002 (Drs. 14/9544) beschlossen, die Arzneimittelsicherheit bei Kindern zu fördern. Die europäische Kinderarzneimittel-Verordnung (EG Nr. 1901/2006) empfiehlt, die Entwicklung von Netzwerken zur Durchführung von klinischen Studien für das Kindes- und Jugendalter. Es soll ein europäisches Netzwerk aufgebaut werden, das „bereits bestehende nationale und europäische Netzwerke, Prüfer und Prüfzentren mit spezifischer Sachkenntnis im Bereich von Forschung und Studien in der pädiatrischen Bevölkerungsgruppe miteinander verbindet“ (Art. 44).

In Deutschland wurde mit Unterstützung der DGKJ, der Universitäten und des BMBF das pädiatrische Netzwerk PAED-Net, ein Zusammenschluss von sechs Modulen an universitären Standorten (Freiburg, Heidelberg, Köln, Leipzig, Mainz, Münster), zwischen 2002 und 2008 aufgebaut und gefördert. International anerkannt stellt das PAED-Net eine hervorragende Basis dar, um ein nationales pädiatrisches Studien-Netzwerk im Sinne des Art. 44 der genannten Verordnung in Deutschland zu entwickeln. Von Seiten der EMEA wird das PAED-Net schon heute als nationales Netzwerk in Deutschland registriert. Wir beobachten mit Sorge, dass Länder wie Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Italien, Belgien oder Österreich, die bisher über keine oder ungünstigere Voraussetzungen für klinische Forschung mit Kindern und Jugendlichen verfügten, aktiv und konsequent in den Aufbau nationaler Studien-Netzwerke investieren, während die Fortführung des PAED-Nets nach Auslaufen der BMBF-Förderung in Frage steht.

Trotz intensiver Bemühungen der DGKJ in Kontakten mit dem BMBF, dem BMG und einzelnen Bundestagsabgeordneten ist es bisher nicht gelungen, ein substantielles Engagement der politischen Entscheidungsträger für das deutsche pädiatrische Studien-Netzwerk PAED-Net zu erreichen. Dies ist umso verwunderlicher, als es sich hier im Grundsatz um eine gesellschaftliche Verpflichtung aufgrund europäischer Verordnungen handelt. Unverändert engagiert sich die DGKJ für eine sichere Arzneimitteltherapie bei Kindern und Jugendlichen. Der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen bemerkt in seinem kürzlich veröffentlichen Gutachten: „Es ist … dringend erforderlich, die Evidenz für die Arzneimittelanwendung bei Kindern durch klinische Studien zu verbessern, weil nur auf diese Weise die Sicherheit der Arzneimitteltherapie für Kinder erhöht werden kann“ (S. 305, Online-Langfassung). Wir erwarten, dass auch die politischen Entscheidungsträger sich ihrer Verantwortung für die Gesundheit und das Wohlergehen zukünftiger Generationen  stellen.

Welche Priorität räumen Sie der Arzneimittelsicherheit bei Kindern und Jugendlichen ein? Welche Mittel werden Sie hierfür bereitstellen und welche Programme haben sie für eine bessere und sichere medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland vorgesehen?

Thema Gesundheitserziehung

Prävention kann nur dann wirken, wenn alle Zielgruppen gut informiert und in der Lage sind, an den Programmen zu partizipieren. Ein gutes Instrument, mit dem präventive Konzepte vor Ort, in KiTas und Schulen, umgesetzt werden könnten, ist der kinder- und jugendärztliche Gesundheitsdienst, der auch aufsuchend tätig sein kann. Dieser wurde in den vergangenen Jahren allerdings nur unzureichend gestützt, z.T. sogar abgebaut. Währenddessen haben die Bemühungen einer Vielzahl unterschiedlicher Akteure zugenommen, die einzelne Aspekte der Gesundheits-förderung den jeweiligen Zielgruppen nahe bringen (SVR-Gutachten 2009, S. 206f.) Wir bedauern diese Entwicklung sehr, insbesondere, da viele Aktivitäten einen aufeinander abgestimmten integrativ orientierten Zugang vermissen lassen. Hier bedarf es – trotz der Zuständigkeit auf kommunaler bzw. Länder-Ebene – aus unserer Sicht einer konzentrierten Herangehensweise, um die Implementierung von Gesundheitserziehung in KiTas und Schulen zu erreichen, von der letztlich auch die für die gesundheitliche Versorgung schlecht erreichbaren  vulnerablen Zielgruppen besonders profitieren würden.

Wenn diese Aufgabe der ÖGD nicht übernehmen kann/soll, sollte aus unserer Sicht auch über neue Konzepte, wie z.B. die Einrichtung des angelsächsischen Modells eines Gesundheitsdienstes an Schulen nachgedacht werden.

Welche Konzepte und Möglichkeiten sehen Sie, um eine stärkere Durchdringung der allgemeinen Ausbildungssysteme (KiTa, Schule) mit Fragestellungen der Gesundheitserziehung zu erreichen?

Die von uns vorgetragenen Themen adressieren die Frage, welchen Stellenwert die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft einnimmt. Gesundheitsversorgung und -vorsorge bestimmen Lebensqualität und Lebenserwartung zukünftiger Generationen. Auch oder gerade weil die nachwachsenden Generationen immer kleiner werden, dürfen gesundheitspolitische Entscheidungen insbesondere im Hinblick auf Ressourcendislokation nicht nur ökonomischen Vorgaben folgen. Sie als Partei mit einer besonderen Verantwortung für die zukünftige Gestaltung unserer Gesellschaft und wir als Gesellschaft insgesamt müssen klären, wie viel uns unsere Kinder und damit unsere Zukunft wert sind.