DGKJ-„Kolloquium zur Zukunft der stationären Kinder- und Jugendmedizin“

DGKJ-Kolloquium
DGKJ-Kolloquium
PD Dr. Rodeck: Spezialambulanzen
PD Dr. Rodeck: Spezialambulanzen
Dr. Mönkemöller: Psychosomatik
Dr. Mönkemöller: Psychosomatik

Fast 120 Teilnehmer verzeichnete das DGKJ-„Kolloquium zur Zukunft der stationären Kinder- und Jugendmedizin“ am 8. März in Berlin-Mitte. Anwesend waren Verwaltungs- und Ärztliche Direktoren aus gut 100 Kinderkliniken bundesweit, womit fast ein Drittel der deutschen Kinderkliniken auf der Veranstaltung vertreten war.

Der aktuelle Zustand und die zukünftige Entwicklung der stationären Kinder- und Jugendmedizin standen zur Diskussion, und acht Referenten brachten ihre Perspektiven aus Klinik und Verwaltung in die Veranstaltung ein, die von DGKJ-Präsident Prof. Dr. Norbert Wagner und DGKJ-Generalsekretär Dr. Karl-Josef Eßer moderiert wurde.

Zu Beginn führte Prof. Dr. Norbert Wagner in die Thematik der Pädiatrie zwischen"Sprung in die Zukunft und Sparzwang“ ein. Die Aufgaben der Kinder- und Jugendmedizin würden bestimmt von hochspezialisierten Leistungen wie Intensivmedizin/Neonatologie, der zunehmenden Anzahl chronisch kranker Patienten, Psychosomatik, Palliativmedizin, Neuen Morbiditäten, Sozialpädiatrie, flächendeckender Versorgung bis zur Prävention und zur Sicherung der personellen Ressourcen.

Ausführlich ging Herr Wagner auf die Zusammenhänge von Kapazität, Strukturqualität und ökonomischer Situation von Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin ein. Er wies auf die von der DAKJ erstellten "Thesen zur Analyse und Zukunftsszenario der flächendeckenden Versorgung der Kinder und Jugendlichen in Deutschland" hin, in denen „eine Erreichbarkeit von Kinderkliniken, außerhalb von vital gefährdeten Zuständen, von 30 km oder 40 Minuten für ausreichend“ gehalten wird. Insbesondere Häuser mit < 30 Betten bzw. < 2.000 Fällen im Jahr hätten zunehmend existentielle Probleme.

Prof. Wagner nannte folgende Thesen für die klinische Pädiatrie der Zukunft:

  • - zunehmende Bedeutung der Vernetzung von ambulanter und stationärer Versorgung (Gemeinschaftspraxen, Kooperationsmodelle, interdisziplinäre Zentren für Kinder)
  • - bedarfsgerechte Zentralisierung der stationären Versorgung, insbesondere im Hinblick auf hochspezialisierte Leistungen (Ergebnisqualität, Strukturqualität, Mindestmengen)
  • - konsequente Umsetzung medizinischer Innovation durch Partnerschaft von universitären und nicht-universitären Versorgungseinrichtungen
  • - Zukunftsfelder: z.B. Hochleistungsmedizin, chronisch Erkrankte, Psychosomatik, Sozialpädiatrie.

„Wie bringt man eine Kinderklinik in `schwarze Zahlen´?“ fragte Prof. Dr. Ronald Schmid und zog seine Klinik in Altötting als Modellfall heran. Hier wird die Facharztkompetenz auch über autarke Klinikpraxen gesichert. Prof. Schmid stellte zahlreiche Aspekte möglicher Kooperationen vor, die alternativ zur Optimalverteilung an den Häusern fungieren könnten. Auch für die `Langlieger´ der Psychosomatik sei eine budgetverträgliche Finanzierung möglich, die über systemkonforme Kalkulationen außerhalb des DRG-Systems zu erreichen seien. - In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, wie sehr eine solche Lösung auf individuelle Vereinbarungen vor Ort angewiesen ist.

Im nächsten Beitrag stellte Prof. Dr. Wolfgang Göpel aus Lübeck die Entwicklung in der Neonatologie und pädiatrischen Intensivmedizin dar. Zu Beginn führte er die extrem fordernde Arbeitssituation auf der Pädiatrischen Intensivstation vor Augen, u.a. mit einem Video-Kommentar zur Hygiene-Debatte. Göpel betonte, dass sich die geltende Finanzierungsregelung gegen mittelgroße Kliniken wende und dass insbesondere die Level 1-Zentren, die Hochrisikokinder durch hochintensive Maßnahmen versorgen und damit erfolgreich Komplikationen vermeiden würden, durch eben diese Erfolge auch ihre Erträge senkten.

Insgesamt sei das Image einer Kinderklinik eng an den Zustand ihrer Neonatologie gekoppelt. Zusammenfassend stellt Herr Göpel fest, dass die Frühgeburtlichkeit international kontinuierlich ansteige und neonatologischen Versorgungsbedarf nach sich ziehe. Angesichts der Finanzierungsproblematik könne eine Konzentration der neonatologischen Leistung zumindest die Vorhaltekosten senken, konstatierte Prof. Göpel.

Mit Spannung wurde der Beitrag von Johann-Magnus Freiherr von Stackelberg erwartet, der als stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen auf die Entwicklungschancen der Pädiatrie blickte. Herr von Stackelberg ging auf den Sicherstellungszuschlag ein, der für Kinderkrankenhäuser großzügiger gestaltet werden solle - Abteilungen für Kinder- und Jugendmedizin hingegen nahm er hiervon ausdrücklich aus.

Mit Blick auf den „ambulant-stationären Grenzbereich“ ging Herr von Stackelberg auf den Zeitplan zur Umsetzung des neuen §116b SGB V ein, der nach dem Beschluss des G-BA über den allgemeinen Paragrafenteil der Richtlinie noch ohne leistungsrechtliche Wirkung bleibe und voraussichtlich Ende 2013 mit dem Beschluss über die erste Konkretisierung zu einzelnen Indikationsgebieten fortgeführt werde. Danach sollten erste Anzeigen von Leistungserbringern gegenüber den erweiterten Landesausschüssen die Berechtigung zur §116b-Leistungserbringung schaffen. Hierbei würden an Krankenhäuser und an niedergelassene Fachärzte dieselben Anforderungen gestellt. „Die ambulante Öffnung der Krankenhäuser ist gewollt“, betonte Herr von Stackelberg.

In der anschließenden Diskussion hob Prof. Wagner hervor, dass die Pädiatrie weder in der Gesetzgebung noch von der GKV angemessen beachtet werde, und man seitens der DGKJ auf den Versorgungsanspruch von Kinder-und Jugendmedizin dränge. Hinsichtlich der im Vortrag Herrn von Stackelbergs bevorzugten Mindestmengen betonte Wagner, dass in der Pädiatrie die Ergebnisqualität wesentlich signifikanter sei, so sei z.B. das Outcome in der Onkologie weitgehend unabhängig von der Fallzahl. Herr Wachtel von GKinD betonte, dass die Existenznot von Kinderkliniken real sei, auch da sie von der doppelten Degression besonders hart getroffen würden. Die von der GKV genannte Kostensteigerung um 2 % sei nicht errechnet, sondern festgesetzt worden.

Fortsetzung des Berichts