Kopflausbefall (Pediculosis capitis): ein Ratgeber für Kinderärzte und Betroffene

Erreger und Biologie / Übertragungsweg und Ansteckung
Vorkommen, Häufigkeit, Risikofaktoren / Klinische Symptomatik
Diagnose /Dauer der Ansteckungsfähigkeit
Therapie
Maßnahmen bei einer Epidemie / Zusammenfassung
Anhang / Literatur / Autorenhinweis

Vorkommen, Häufigkeit, Risikofaktoren

Kopfläuse sind weltweit verbreitet. Sie kommen bei allen Ethnien und in allen Kulturkreisen vor. Während in Entwicklungsländern bis zu 40 Prozent der Bevölkerung und bis zu 80 Prozent der Kinder befallen sein können, liegt die Prävalenz bei Kindern in Mitteleuropa zwischen ein und vier Prozent. Aus Großbritannien wurden bei Schulkindern Prävalenzen von 20 Prozent berichtet.

Die Pediculosis capitis tritt meist in Form von Kleinepidemien in der Familie, im Kindergarten oder in der Schule auf. Bei Epidemien sind bis zu 30 Prozent der Kinder einer Einrichtung betroffen. In einer Familie sind häufig alle Kinder und auch die Erwachsenen infestiert.  Auch wenn die Prävalenz auf Bevölkerungsebene niedrig ist, zirkulieren die Parasiten in der Kinderpopulation. In Norwegen beispielsweise gab es in 36,4 Prozent der Haushalte innerhalb der letzten drei Jahre vor einer Querschnittsuntersuchung einen Fall von Pediculosis capitis, obwohl die Prävalenz unter Schulkindern durchschnittlich kleiner als 1 Prozent war.

Eine systematische Untersuchung aller Einschulungskinder der Stadt Braunschweig mittels visueller Inspektion zeigte eine Punktprävalenz von 0,7 Prozent (95 Prozent Konfidenzintervall 0,68 - 0,72 Prozent). Da die visuelle Inspektion als diagnostische Methode eine relativ geringe Sensitivität hat, ist die tatsächliche Prävalenz der Pediculosis capitis bei hiesigen Einschulungskindern vermutlich um einen Faktor 3 - 4 höher. Anhand einer Befragung über bereits früher durchgemachten Kopflausbefall errechnet sich für Braunschweig eine jährliche Inzidenz von 87,5/1.000 Kinder/Jahr für Mädchen und 31,9/1.000 Kinder/Jahr für Jungen in der Altersgruppe von sechs bis sieben Jahren. Die altersabhängige Prävalenz zeigt einen glockenförmigen Verlauf mit einem Maximum zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr.

In Mitteleuropa lässt sich ein charakteristisches saisonales Häufigkeitsmuster mit einem deutlichen Anstieg der Inzidenz nach den Sommerferien beobachten. Im Spätherbst und im Winter fällt die Häufigkeit wieder ab. Als Ursache wird vermutet, dass sich Kinder während des Urlaubs exponieren, wenn sie mit anderen zugereisten Kindern spielen bzw. auf engem Raum zusammenleben (Ferienlager, Camping). Zurück in Deutschland stecken sie Familienangehörige oder Kinder aus ihrer Spielgruppe oder dem Kindergarten an. Die Zahl der Neuerkrankungen steigt dann langsam an, bis die Epidemie erkannt wird und Gegenmaßnahmen eingeleitet werden.

In allen Kulturkreisen sind Mädchen deutlich häufiger betroffen als Jungen. Das Verhältnis Mädchen zu Jungen schwankt 12:1 (Türkei) zu 2:1 (Mitteleuropa). Die überproportionale Häufigkeit der Pediculosis capitis bei Mädchen wird durch längere Haare und geschlechterspezifisches Verhalten, das zu häufigeren und längeren Haar-zu-Haar-Kontakten führt, erklärt. In Deutschland haben Kinder mit Migrationshintergrund ähnlich häufig Kopflausbefall wie Kinder deutscher Eltern. In Haushalten mit einem niedrigen Bildungsstatus ist Kopflausbefall häufiger als in Haushalten mit einem hohen Bildungsstatus. Ungepflegte Haare und/oder mangelhafte Körperhygiene fördern nicht den Kopflausbefall, und regelmäßiges Haare waschen/Duschen beseitigt keine Kopfläuse.

Schlüsselinformationen

  • In der Altersgruppe der Acht- bis Elfjährigen ist die Pediculosis capitis (nach den Atemwegsinfektionen) die zweithäufigste Infektionskrankheit
  • Kopflausbefall tritt in Form von Kleinepidemien auf: Familie, Spielkreis, Kindergarten, Schulklasse
  • Die Inzidenz steigt nach Ende der Sommerferien an
  • Mädchen sind deutlich häufiger betroffen als Jungen
  • Kopflausbefall ist kein Hinweis auf mangelnde Körperhygiene

 

Klinische Symptomatik

Um Blut aus Hautkapillaren saugen zu können, injizieren Läuse Speichel über ihren Stechrüssel in die Kopfhaut. Der Speichel enthält unter anderem gerinnungshemmende Substanzen mit einem allergenen Potenzial. Die Substanzen induzieren vermutlich eine Immunantwort vom verzögerten Typ. Klinisch manifestiert sich die Immunreaktion als erythematöse Papeln und Quaddeln, die intensiv jucken. Das durch den Juckreiz bedingte Kratzen führt zu Exkoriationen der Epidermis und Bildung von Krusten. Länger bestehende Kratzdefekte können bakteriell besiedelt werden (z. B. durch Staphylococcus aureus oder Streptokokken). Dann entwickeln sich regionale Lymphadenopathien. Eine länger bestehende Pediculosis capitis kann zu einer Ekzematisierung der Kopfhaut führen. Sehr selten wird eine generalisierte juckende Dermatose beobachtet. Verstärkt sich der Juckreiz in der Nacht, kann dies zu Schlafstörungen führen. Kinder mit einem langen Leidensweg aufgrund immer wieder auftretender Infestationen können psychische Symptome entwickeln. Sie fühlen sich sozial ausgeschlossen und stigmatisiert.

Bei einer Erstinfestation treten die Symptome nach vier bis sechs Wochen auf, bei einer Reinfestation bereits nach 24 bis 48 Stunden. Dies ist ein Hinweis auf eine Immunreaktion der Haut gegen Bestandteile des Läusespeichels. Der Pruritus entwickelt sich nur bei 14-36 Prozent aller Infestierten. Bei Kindern ohne Pruritus wird die Pediculosis capitis zufällig entdeckt, beispielsweise wenn eine Kopflaus nach dem Waschen der Haare im Waschbecken oder auf einem Handtuch entdeckt wird.

Seit einigen Jahren ist gesichert, dass Kopfläuse hochpathogene Bakterien wie Rickettsia prowazekii (Erreger des klassischen Fleckfiebers), Borrelia recurrentis (Läuserückfallfieber) und Bartonella quintana (Erreger des Fünf-Tage-Fiebers) übertragen. Die Bakterienspezies sind in Mitteleuropa sehr selten, kommen in Entwicklungsländern aber in unterschiedlicher Häufigkeit vor. B. quintana ist auch in den USA verbreitet. In einer Studie in Äthiopien waren 7 Prozent aller Kopfläuse mit B. quintana und 23 Prozent mit B. recurrentis infiziert; in den USA hatten fünf Prozent aller Obdachlosen Kopfläuse, von denen wiederum 37,5 Prozent mit B. quintana infiziert waren. Es ist denkbar, dass mit bakteriellen Pathogenen infizierte Kopfläuse über Flüchtlinge nach Deutschland gelangen. Dass sich die Erreger in der hiesigen Kinderpopulation ausbreiten, ist allerdings unwahrscheinlich. Staphylokokken und Streptokokken werden durch Kopfläuse passiv, beispielsweise nach Kontakt mit einer Eiterpustel, über die Kopfhaut verschleppt.

Schlüsselinformationen

  • Nur 14-36 Prozent der Infestierten entwickeln Symptome, werden also bei einer Symptom basierten Diagnose als behandlungsbedürftig erkannt
  • Symptome treten bei einer Erstinfestation nach vier bis sechs Wochen auf, bei einer Reinfestation nach 24-48 Stunden
  • Eine juckende Kopfhaut, erythematöse Papeln und Quaddeln sind die typische Symptomtrias
  • Kopfläuse sind potentielle Überträger wichtiger Pathogene
  • Eine chronische oder rezidivierende Pediculosis capitis kann zu sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung führen

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