Grußwort des DGKJ-Präsidenten zur Ausstellungseröffnung am 17.01.2012

Prof. Dr. Norbert Wagner
Foto: Britta Scherer / Stiftung Topographie des Terrors

                                                                             - Es gilt das gesprochene Wort - 

Sehr geehrte Frau Süßkind, 
sehr geehrter Herr Hüppe, 
sehr geehrter Herr Nachama, 
sehr verehrte Damen und Herren Bundestagsabgeordnete, 
liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,

mit der Ausstellung „Im Gedenken der Kinder. Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit“ erinnern wir an einen düsteren Abschnitt der Kinderheilkunde, der auch nach mehr als 70 Jahren schmerzhafte Fragen aufwirft. Mehr als 10.000 Kinder und Jugendliche fielen bis 1945 den Programmen zur Vernichtung sogenannten „lebensunwerten Lebens“ zum Opfer. In vielen Fällen waren es Kinderärzte und Kinderärztinnen, die Kinder im Namen der Wissenschaft meldeten, begutachteten, in Experimenten benutzten und töteten. 

Fassungslos stehen wir heute vor der Frage, wie Kinderärzte und Pflegerinnen die ihnen schutzbefohlenen Kinder derart ausliefern konnten, in dem Wissen, dass sie Leid und Tod erfahren würden? Was trieb Wissenschaftler, an kranken, ihnen häufig vertrauensvoll zugewandten Kindern qualvolle Experimente durchzuführen?

Schon seit vielen Jahren befasst sich die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte während der Zeit des Nationalsozialismus. So hat die Gesellschaft 1984 die Historische Kommission ins Leben gerufen, die sich systematisch mit der NS-Vergangenheit unserer Fachdisziplin beschäftigt, auch um Antworten auf die genannten Fragen zu finden.
Bereits 1998 hat die DGKJ in der „Dresdner Erklärung“ die Gleichschaltung der Kinderheilkunde im Nationalsozialismus als zentrales Thema aufgearbeitet. Es ging um das Schicksal hunderter jüdischer Kinderärzte zwischen 1933 und 1945, die auch unter Mitwirkung ihrer Kolleginnen und Kollegen ausgegrenzt und vertrieben wurden. Die persönlichen Schicksale, die häufig in den NS-Konzentrationslagern endeten, wurden nachgezeichnet und in einer vielbeachteten, bemerkenswerten Schrift durch Herrn Kollegen Seidler dokumentiert.

Anlass und Auftrag für die DGKJ, sich weiterhin mit der Rolle der Kinderheilkunde im Nationalsozialismus zu befassen, war das Gedenken an die ab 1940 aufgebauten sogenannten „Kinderfachabteilungen“ zur Ermordung kranker und behinderter Kinder.

Im September 2010 veranstaltete die DGKJ auf ihrer Jahrestagung in Potsdam eine zentrale Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Opfer der NS-Medizinverbrechen an Kindern. Vor mehr als 800 Kinderärztinnen und Kinderärzten, die an der Gedenkfeier teilnahmen, wurde eine Erklärung verlesen, die die Anerkennung von Schuld und die Mitwirkung von Kinderärzten und -ärztinnen an den NS-Medizinverbrechen festhält.


Ich darf daraus zitieren: 
„Wir bekennen die geistige Miturheberschaft und das aktive Mittun von Kinderärztinnen und Kinderärzten an diesen Verbrechen; wir beklagen darüber hinaus jede Form von Mitläufertum und Meinungskonformismus, ohne die das Regime nicht hätte funktioniert können und die es den Tätern erst möglich machten, ihre Verbrechen durchzuführen. Verbrechen, die ja nicht im Ungewissen ferner Landstriche und besetzter Gebiete, sondern in der Mitte des gesellschaftlichen Lebens und mitten in Deutschland in Arztpraxen und Krankenhäusern, staatlichen Ämtern und wissenschaftlichen Instituten stattfanden“

Mit der Ausstellung „Im Gedenken der Kinder“ wendet sich unsere Fachgesellschaft an die breite Öffentlichkeit. Wir wollen signalisieren, wie wichtig das Erinnern und das Gedenken an die Opfer von Verbrechen gegen die Menschlichkeit für die demokratische Entwicklung unserer Gesellschaft heute und in Zukunft sind. Wir wollen uns dafür einsetzen, dass Ausgrenzung, Angriffe auf die Menschenwürde und menschenverachtende Ideologien in unserer Gesellschaft keine Chance mehr erhalten. Deshalb ist es mir eine Ehre, die Ausstellung gemeinsam mit Ihnen hier im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors eröffnen zu dürfen. Mit über 800.000 Besuchern gehört die „Topographie des Terrors“ zu den am stärksten wahrgenommenen Erinnerungsorten in Berlin. Hier befanden sich während des „Dritten Reichs“ die Zentralen der Geheimen Staatspolizei, der SS und des Reichssicherheitshauptamts. An diesem  „Ort der Täter“ möchten wir an die Opfer der NS-Kinder-„Euthanasie“ erinnern und uns der Geschichte unserer Fachgesellschaft stellen. 

Die Ausstellung konnte nur realisiert werden dank des großen Engagements der Beteiligten, denen ich herzlichst danken möchte:
Zwei Namen will ich an dieser Stelle stellvertretend für alle besonders nennen: Prof. Dr. Lothar Pelz, Mitglied der Historischen Kommission und maßgeblicher Initiator der Ausstellung und PD Dr. Thomas Beddies, Stellvertretender Vorsitzender der Historischen Kommission der DGKJ und Ausstellungskurator. Ebenso möchte ich mich bei unseren Gastgebern, Prof. Dr. Andreas Nachama und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von der Stiftung Topographie des Terrors bedanken, für die Möglichkeit die Ausstellung bis zum 20. Mai an diesem Ort zeigen zu können und die stets sehr gute Zusammenarbeit. Herrn Hubert Hüppe, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen sei herzlich für die Schirmherrschaft der Ausstellung gedankt. 


Ergänzend zur Ausstellung wurde ein Vortragsprogramm „Medizin im Nationalsozialismus“ konzipiert. Forschungsgegenstand und Fragestellungen stehen dabei ebenso wie Erinnerung und Verantwortung zur Diskussion. Seien Sie herzlich eingeladen, mit uns gemeinsam diese Inhalte zu erörtern. Einzelheiten zu den genauen Terminen finden Sie im ausgelegten Programmflyer


Meine Damen und Herren, die Ausstellung stellt die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Dimensionen der NS-Medizinverbrechen dar, sie gibt aber auch berührende Einblicke in das kurze Leben von Kindern, die der Gesellschaft damals „lebensunwert“ waren. Dabei geht es auch um die Erinnerung an den Einzelnen und um das Gedenken mit Blick auf unser Heute und Morgen, in dem wir wachsam bleiben wollen für die Zukunft. 

– Die Gesichter dieser Kinder mögen sich uns einprägen. – 

 

Prof. Dr. Norbert Wagner 

Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ)