2014 Eröffnungsrede DGKJ-Präsident Prof. Dr. Norbert Wagner (Teil 2)

 

Nun möchte ich die herausragenden Themen, die uns beschäftigen, ansprechen.

„Rettet die Kinderstation“ ist die Überschrift unseres Plakates, welches in vielen Kinderkliniken aushängt und auf die bedrohliche Lage hinweist. Kranke Kinder und Jugendliche benötigen in einer humanen Gesellschaft die bestmögliche Unterstützung, um ihre Krankheit entweder zu überwinden oder mit ihrer Erkrankung optimale Entwicklungschancen nutzen zu können. Im Rahmen der Daseinsvorsorge sollte der Staat dafür die Ressourcen zur Verfügung stellen. Kinder- und Jugendärzte und Kinderkrankenschwestern betreuen in den Kliniken mit großem Engagement die uns anvertrauten Patienten. Dabei stoßen wir an die Grenzen durch eine Krankenhausfinanzierung, die die falschen Anreize setzt. Was sich lohnt ist die planbare Prozedur, die möglichst strukturiert und häufig wiederholt wird. Dazu gehören Herzkatheterismus, Gelenkersatz, Wirbelsäulenoperationen und Koronaroperationen, um einige Beispiele zu nennen. Wenn der Gesetzgeber eine Krankenhausfinanzierung beschließt, die marktwirtschaftliche Akzente betont, warum wundert er sich dann, wenn Krankenhäuser sich entsprechend verhalten und ökonomisch attraktive Leistungen ausbauen und unattraktive Leistungen zurückdrängen. In diesem Kontext ist die Pädiatrie wirtschaftlich unattraktiv, wir behandeln mehr als 50 % Notfälle, die naturgemäß nicht planbar sind aber hohe Vorhaltekosten verursachen. Wir behandeln Kinder mit seltenen Erkrankungen und Hochkostenfälle, deren Kosten nicht InEK kalkuliert sind und daher nicht ausreichend erstattet werden. Kinderkliniken rechnen pro Jahr mehr als 300 unterschiedliche DRGs ab, wie wollen Sie da clinical pathways generieren, die ähnlich effektiv wären wie beispielsweise in einer urologischen Klinik, die mit drei DRGs 70 % ihres Umsatzes erwirtschaftet. Dass Sie mich nicht falsch verstehen, ich neide es keinem der Kollegen, und ich weiß, warum ich Kinder- und Jugendarzt geworden bin, aber es darf nicht sein, dass kranke Kinder und Jugendliche die Verlierer in einem schlecht überlegten Krankenhausfinanzierungssystem sind, welches auf falsche Anreize setzt. Was ist ein Krankenhausfinanzierungssystem wert, wenn es einem behinderten Kind, das zu einer Operation kommen soll, und seinen Eltern zumutet, morgens um 4 Uhr aufzustehen und zur 60 km entfernten Klinik zu fahren, da es die Aufnahme einen Tag vor der Operation nicht zulässt. Wir Deutschen sind Spitzenreiter, wenn es um die Durchführung von Kernspintomografien und Herzkatheterismus geht, sollten wir nicht darüber nachdenken, ob die Anreize richtig gesetzt sind? Müssen wir nicht jetzt ernsthaft beginnen, die Vermeidung von unnötiger Diagnostik wertzuschätzen? Würden wir nicht mit der Einsparung unnützer Diagnostik genau die Mittel freisetzen, um die Menschen im ärztlichen Beruf und in der Pflege zu beschäftigen, die die eigentlich ärztliche Motivation der Charite oder Barmherzigkeit und der Begleitung des kranken Menschen bewegt, wegen derer wir alle unsere Ausbildung absolviert haben? 

Wie hoch ist nun die Unterfinanzierung bei den Kinderklinken? Hierzu hat dankenswerterweise die Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser, mit der wir eng für die Verbesserung der Lage der Kinderkliniken zusammenarbeiten, eine Umfrage durchgeführt. Dabei zeigt sich, dass zwei Drittel der Kliniken im vergangenen Jahr defizitär waren, 11 % der Klinken weisen einen Verlust von mehr als 20 % auf den Umsatz aus, diese Kliniken, und darunter sind auch Universitätskinderkliniken, sind per definitionem insolvent! In der Konsequenz wird an allen Ecken und Enden gespart, so dass es quietscht. Und in der Kinder- und Jugendmedizin bedeutet das Personalabbau. Natürlich wird jedes Kind im Notfall versorgt, aber die Zeit fehlt: um das Kind in Ruhe gemeinsam mit Assistenz des Pflegepersonals zu untersuchen, die Blutentnahme unter ruhigen Bedingungen, das ausführliche Gespräch mit den Eltern über Diagnose und Therapie, die Einschätzung des psychosozialen Hintergrunds, der so wichtig ist, wie wir aus den KiGGS Daten wissen; all das ist eben nicht ausreichend möglich. Ein Pilot hat es da einfacher, bei Defekten am Flugzeug sagt er einfach den Flug ab. Dies können wir nicht – und wir wollen es auch nicht. Deshalb erwarten wir von der Bundesregierung, dass sie die bestmögliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen ambulant und stationär ermöglicht. Hierzu haben wir konkrete Vorschläge unterbreitet, die kurzfristig umsetzbar sind und sogar innerhalb des DRG Systems, kein anderes Land der Welt setzt im Übrigen ausschließlich auf eine DRG basierte Finanzierung der stationären Behandlung. Wir schlagen einen Versorgungszuschlag Kindergesundheit als Sicherstellungszuschlag für die bedürftigen Kinderkliniken vor, der je nach Standort und Analyse bei ca. 10 bis 15 % des DRG ermittelten Entgelts liegen dürfte, um die angemessene Versorgung von kranken Kindern durch Kinderkrankenschwestern und Kinderärzten sowie Kinderchirurgen im Krankenhaus zu gewährleisten. Wir kommunizieren mit der Politik, dem Bundesministerium für Gesundheit und der Bund-Länder Kommission für die Krankenhausreform in einem engen Austausch über die Lösungsmöglichkeiten und gehen davon aus, dass hier durch die Bundesregierung ein Weg gefunden wird, um Kinder nicht zu Verlierern zu machen. Wir Kinder- und Jugendärzte sehen uns als Anwälte der Kinder für eine bestmögliche Versorgung im Krankheitsfall und müssen uns hier zu Wort melden. 

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