Personalia

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Ingeborg Rapoport zum 100. Geburtstag

31.08.2012


Prof. Ingeborg Rapoport

Was für Geburtswehen, welche leidenschaftlichen zähen Kämpfe sprechen aus den Charité-Akten über die Entstehung des ersten europäischen Lehrstuhls für Neonatologie Ende der 1960er Jahre!

1968 wird Frau Professor Ingeborg Rapoport zur ordentlichen Professorin für Neonatologie berufen, Höhepunkt unter mehreren richtungsweisenden Neugründungen im Bereich der Perinatologie in diesen Jahren, an denen sie maßgeblich beteiligt war.

Ingeborg Rapoport begründete an der Charité das Fachgebiet Neonatologie, errichtete 1970 eine der ersten deutschen Abteilung für Neonatologie (mit Klinik und klinisch/experimenteller Forschungsabteilung!), ist Mitbegründerin sowie erste stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft für Perinatologie der DDR (1968) und schuf gemeinsam mit einer Vielzahl engagierter Kollegen das interdisziplinäre nationale Forschungsprojekt „Perinatologie“ (1969), in dem sie abrechenbare Projektkonzepte, die Erarbeitung langfristiger Prognosen und eine translationsorientierte Forschung durchsetzte mit dem Ziel, bei der Gesundheitsversorgung von Mutter und Kind messbare Erfolge zu erreichen wie z.B. die beachtliche Senkung der Säuglingssterblichkeit in den 1970er und 1980er Jahren. Auch dafür wurde die leidenschaftliche Forscherin, engagierte Kinderärztin und Lehrerin, streitbare Reformerin und überzeugte Sozialistin 1984 mit dem Nationalpreis der DDR geehrt.

Ingeborg Rapoport, geb. Syllm, wurde am 2.9.1912 in Kribi, Kamerun (damals deutsche Kolonie) als Tochter eines Kaufmanns und einer Musikerin geboren, verlebte ihre Kindheit und Jugend in Hamburg und studierte von 1932 bis 1937 Medizin, den “Dr. med.” aber verweigerten ihr als Halbjüdin die Behörden. Zunächst arbeitete sie als Ärztin in Hamburg, konnte 1938 in die USA emigrieren, fand Anstellungen in Krankenhäusern in New York City und Akron/Ohio, studierte in Philadelphia (1940-1942; Abschluss MD), bekam ein Internship in Baltimore und wurde schließlich 1943 Assistentin von Helen Taussig (1898-1986; bedeutende Kinderkardiologin) an der Kinderklinik der Johns Hopkins Universität. Mit 32 Jahren (1944) wechselte sie ans Children’s Hospital/Univ. Cincinnati/Ohio, wurde dort nach zwei Jahren stellvertretende, mit 35 Leiterin der Kinderpoliklinik und Forschungsassistentin (National Grant). In Cincinatti lernte sie ihren späteren Ehemann Mitja Rapoport kennen, den sie 1946 heiratete. Aus dieser Ehe sind vier Kinder hervorgegangen.

1950 erhält ihr Ehemann während einer Kongressreise in Europa eine Vorladung vor das  McCarthy-Tribunal für amerikafeindliche Umtriebe. Um den antikommunistischen Verfolgungen in den USA zu entgehen, flieht Inge Rapoport, hochschwanger, mit den drei kleinen Kindern zu ihrem Mann. Nach vergeblichen Bemühungen von Mitja Rapoport um eine Anstellung an der Wiener Universität nimmt er 1952 den Ruf auf eine Professur für Physiologische Chemie an der Charité an. Die Familie siedelt nach Ost-Berlin über.

Inge Rapoport wird nach Aspirantur und Habilitation 1958 Mitarbeiterin und 1959 Dozentin an der Charité-Kinderklinik. Dort leitete sie die Säuglings- u. Frühgeborenenstation, aus denen sie allmählich eine Abteilung für Neonatologie formte. 1964 zur Professorin mit Lehrauftrag berufen, folgte 1967 die Prof. mit vollem Lehrauftrag und 1968 die ordentliche Prof. für Pädiatrie (Neonatologie).

Mit der Umstrukturierung der Charité-Frauenklinik 1970 zu einer Art Perinatalzentrum wurde der Lehrstuhl und die neugegründete Abt. Neonatologie dort integriert. Bis zu ihrer unerwünscht frühen Emeritierung 1973 entwickelte Inge Rapoport zielstrebig ihre Abteilung inhaltlich und strukturell mit dem Neuaufbau einer Station für Neugeborenen-Intensivtherapie und der Forschungsabteilung (Schwerpunkte Bilirubin, Hypoxie, Surfactant) weiter. Nach 1973 arbeitete sie bis weit in die 1980er Jahre hinein wissenschaftlich im Labor und als Teilkomplexleiterin im Forschungsprojekt „Perinatologie“.

Leidenschaftliche Förderin des wissenschaftlichen Nachwuchses, wirkte sie lange noch als Ratgeberin und gütige Schirmherrin für die jüngeren und inzwischen „gestandenen“ älteren Schüler. 1997, im Alter von 85 Jahren, veröffentlichte sie ihr lesenswertes Buch „Meine ersten drei Leben: Erinnerungen“, in dem Erlebnisse beider Rapoports reflektiert und gewertet werden, beispielhaft für den Verlauf des an blutigen und unblutigen Konfrontationen reichen 20. Jahrhunderts.

Die Charité ehrt die vitale Jubilarin anlässlich ihres 100. Geburtstags am 29.09.2012 mit einer „biografischen Annäherung“ und am 8.10.2012 mit einem akademischen Festakt für sie und ihrem Mann, S.M.Rapoport (27. 11. 1912 – 7. 7. 2004).

Prof. Dr. Roland R. Wauer, Berlin

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