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Nachruf auf Prof. Dr. Günther Schellong

17.11.2015

Prof. Dr. Günther Schellong
Bild: privat

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin trauert um ihr Ehrenmitglied Prof. Dr. med. Günther Schellong, der am 10. Oktober 2015 in seinem 90. Lebensjahr verstorben ist. Mit Günther Schellong verliert die deutsche pädiatrische Hämatologie und Onkologie einen ihrer Gründungsväter, der bis zu seinem Tod produktiv wissenschaftlich tätig war. Er wurde am 15. Januar 1926 als erstes von vier Geschwistern in Kiel geboren. Seine Eltern waren Prof. Dr. med. Fritz Schellong, Erstbeschreiber des nach ihm benannten Kreislauffunktionstests und Dr. med. Anneliese Schellong. Er heiratete 1955 Dr. med. Erika Schellong, geb. Beckmann, mit der er 5 Kinder hatte. Er hinterlässt 10 Enkelkinder.

Günther Schellong wuchs in Kiel, Heidelberg, Prag und Münster auf. Sein Abitur machte er 1944 an der Hermann-Löns-Oberschule in Münster. Unterbrochen von Arbeitsdienst, Kriegsdienst und Gefangenschaft folgte das Medizinstudium in Münster und Freiburg, mit dem Staatsexamen und der Bestallung als Arzt 1951 in Münster.

Nach seiner Approbation arbeitete er zunächst an der Medizinischen Universitätsklinik Göttingen bei Rudolf Schoen auf dem Gebiet des Glucuronsäurestoffwechsels und anschließend am pathologischen Institut in Freiburg bei Franz Büchner. Er promovierte 1952 mit einer Arbeit zu „Röntgenologisch nachweisbaren Knochenveränderungen bei Endangitis obliterans“ in Münster. Nach einer Ausbildung am Institut für Blutgruppenforschung bei P. Dahr lag sein wissenschaftlicher Schwerpunkt zunächst auf dem Gebiet der Immunhämatologie und des Neugeborenen-Ikterus. Mit diesem Thema habilitierte er sich 1961 in Münster bei Professor Hermann Mai.

Günther Schellong war an der Erprobung und Einführung der postpartalen Anti-D-Prophylaxe beteiligt, die zu einer signifikanten Abnahme des Morbus haemolyticus neonatorum geführt hat. Anfang der 1970er Jahre wandte er sich mit großem Engagement und großer wissenschaftlicher Produktivität dem damals noch jungen Gebiet der Pädiatrischen Hämatologie und Onkologie zu.

Seit 1954 war er zunächst als wissenschaftlicher Assistent und später als Oberarzt an der Universitätskinderklinik Münster unter Hermann Mai tätig. Im Jahr 1973 wurde Günther Schellong als ordentlicher Professor und Leiter der Abteilung für“ Hämatologie und Immunologie“ der Kinderklinik Münster, deren weiterer Direktor er für das Gebiet der „Pädiatrischen Hämatologie und Onkologie“ 1976 wurde. In dieser Position war er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1991 tätig. Anfang der 1970er Jahre war er Dekan des Fachbereiches Klinische Medizin der Universität Münster.

Günther Schellong war gemeinsam mit Hansjörg Riehm (Berlin) und Bernhard Kornhuber (Frankfurt) das 3. Gründungsmitglied der weltweit standardsetzenden Berlin-Frankfurt-Münster (BFM)-Studiengruppe in der Pädiatrischen Hämatologie und Onkologie. Er übernahm in diesem Studiennetzwerk die Leitung der Therapiestudien für die akuten myeloischen Leukämien (1978-1991) und für die Hodgkin-Lymphome (1978-1995). Im Rahmen der fünf konsekutiven von ihm geleiteten Therapiestudien zum Hodgkin-Lymphom konnte kontinuierlich das Risiko für Langzeitnebenwirkungen nach Strahlen- und nach Chemotherapie verringert werden. Für seine Arbeiten zur akuten myeloischen Leukämie wurde ihm 1989 gemeinsam mit seinen Mitarbeitern Ursula Creutzig und Jörg Ritter, der Kind-Philipp Wissenschaftspreis für Leukämieforschung überreicht.

Von 1980-1985 war Günther Schellong erster Vorsitzender der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie (GPO) aus der später die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie – GPOH – hervorging. In seine Amtszeit fielen die Aktivitäten zur Neustrukturierung der Pädiatrischen Onkologie, insbesondere im Bereich der psychosozialen Betreuung und der Krankenversorgung.

Günther Schellong hat als einer der Ersten die Notwendigkeit der psychosozialen Betreuung seiner Patienten und deren Eltern erkannt und diese als eigene Disziplin etabliert. Für seine Verdienste wurde ihm 1990 die Ehrenmitgliedschaft der GPO verliehen.

Nach seiner Emeritierung 1991 widmete er sich der Analyse der Langzeitfolgen der Behandlung des Hodgkin-Lymphoms. Die ehemaligen Studienpatienten wurden über ihre Risiken informiert, wie z. B. über schwere Infektionen nach Milz-Entfernung, über kardiale Probleme nach Bestrahlung im Thoraxbereich und über Brustkrebs bei Mädchen nach Bestrahlung. Das erreichte Langzeit-Follow up bei Hodgkin-Lymphomen ist weltweit führend. Die Ergebnisse zum Brustkrebs-Screening sowie wichtige Publikationen zu den Zweitmalignomen und Elternschaft bei ehemaligen Hodgkin-Lymphom Patienten wurden von ihm in den vergangenen beiden Jahren publiziert. Für diese Arbeiten wurde ihm der Nachsorgepreis der Deutschen Kinderkrebs-Nachsorge-Stiftung für das chronisch kranke Kind verliehen.

Zusammen mit seinen internistischen Kollegen in Münster, Thomas Büchner und Wolfgang Hiddemann, und seinem Mitarbeiter Jörg Ritter eröffnete er in den 1980er Jahren den internationalen Austausch, insbesondere auch mit den Kollegen in Osteuropa und hier insbesondere der Ukraine im Rahmen der Symposien „Acute Leukemias“.

Für sein Engagement in der Ukraine für die Behandlung krebskranker Kinder und Jugendlicher wurde er 1992 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. 2013 erhielt er den Dietrich-Niethammer-Preis für sein Lebenswerk. Kurz vor seinem Tod wurde er im September 2015 Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO).

Günther Schellongs zweite Liebe gehörte der Musik. Er war 196o Gründungsmitglied des Kinderärzte-Orchesters, in dem er für mehrere Jahrzehnte Stimmführer der Violoncelli war. Als Solist führte er mit diesem Orchester Cellokonzerte von Antonio Vivaldi, G.P. Telemann und Joseph Haydn auf. Seine besondere Liebe galt der Kammermusik, die er bis kurz vor seinem Tod pflegte. So war er gemeinsam mit Christian Weymann, Anton Heinz Sutor und Matthias Brandis Gründungsmitglied des Streichquartetts des Kinderärzte-Orchesters. Bei den „Acute Leukemias“ Symposien spielte er regelmäßig Kammermusik für die Gäste aus dem In- und Ausland, so dass dieses Symposium den Beinamen erhielt: „The Symposium with the concert“.

Als forschender Arzt war Günther Schellong gekennzeichnet durch einen klaren Blick, Entschlossenheit, Beharrlichkeit, Kooperationsfähigkeit und unbedingte Fürsorglichkeit gegenüber den Patienten und deren Eltern. Günther Schellong wird uns allen als herausragender akademischer Lehrer und als vorbildlicher engagierter Arzt und Wissenschaftler in Erinnerung bleiben. Wer Günther Schellong mit Geschwistern und Schülern am Abend der Münsteraner „Acute Leukemias“ Symposien Kammermusik spielen hörte, hat geahnt, aus welchem Geist sein Lebenswerk entstand.

Prof. Dr. Jörg Ritter

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