Personalia

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Nachruf auf Prof. Dr. med. Hans-Gerd Lenard

22.02.2016


Bild: privat

Hans-Gerd Lenard wurde am 29. Juli 1936 in Altdrossenfeld (Oberfranken) geboren, wo sein Großvater Landarzt war. Er absolvierte das Jean Paul-Gymnasium in Hof an der Saale, das im 17. Jahrhundert auch der Dichter selbst besucht hatte. Das Studium der Medizin an den Universitäten München und Wien wählte Hans-Gerd Lenard 1954, weil er einen Weg gehen wollte, der eine sinnvolle Lebensaufgabe beinhaltet. Ein Grund für ihn wie auch für viele seiner Kommilitonen seien die Kriegs- und Nachkriegserfahrungen gewesen und die Berichte der Heimkehrer aus Krieg und Gefangenschaft. Vor allem Ärzte und Krankenschwestern hätten zu denjenigen gehört, die in einer sinnlosen Katastrophe noch Sinnvolles tun konnten.

Nach dem Studium folgten die Promotion in München, die Medizinalassistentenzeit in Niebüll und Bad Tölz sowie die pädiatrische Ausbildung am Dr. von Haunerschen Kinderspital in München, wo noch Alfred Wiskott tätig war. Neben theoretischem Wissen und wissenschaftlichem Denken habe er vor allem das so notwendige ärztliche Handwerkszeug erlernt. Von seinem besonderen Geschick zur Lumbalpunktion konnten sich mehrere Generationen von Ärzten und Schwestern überzeugen. Sein wissenschaftlicher Lehrer war Heinz Prechtl, zu dem  es ihn 1965 für drei Jahre an das Institut für Entwicklungsneurologie der Rijksuniversiteit Groningen zog. Heinz Prechtl habe ihn gelehrt, kritisch zu denken und zu lesen, präzise zu fragen, zu arbeiten und zu schreiben.

1970 nach der Habilitation an der Medizinischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen wurde Hans-Gerd Lenard Oberarzt der Göttinger Kinderklinik bei Gerhard Joppich. Dort traf er auch seinen Freund und sein ärztliches Vorbild Franz-Josef Schulte, mit dem er über die Göttinger Zeit hinaus im intellektuellen Gleichklang schwang. Beide verfügten über die Intuition, ungerufen da zu sein, wenn sie gebraucht wurden, und sie hatten mit ihren diagnostischen und therapeutischen Ideen häufig Recht, ohne selbst immer zu wissen warum. In Göttingen baute sich Hans-Gerd Lenard neben der Elektrophysiologie einen zweiten Forschungsschwerpunkt zu neuromuskulären Erkrankungen auf. Es folgten ein kurzer Studienaufenthalt bei Victor Dubowitz in London und eine langjährige intensive Zusammenarbeit mit dem Neuropathologen Hans Hilmar Goebel, aus der mehrere Erstbeschreibungen von Myopathien hervorgingen.

1979 erhielt Hans-Gerd Lenard den Ruf auf eine Universitätsprofessur für Pädiatrie an die Medizinische Fakultät Mannheim der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. 1983 folgte der Ruf als Universitätsprofessor und Direktor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie, Neurologie und Pneumologie an die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Es erfüllte Hans-Gerd Lenard mit ein wenig Stolz, dass er Nachfolger im Amt großer Persönlichkeiten der Kinderheilkunde wie Adalbert Czerny, Fritz Göbel, Karl Klinke und Gustav Adolf von Harnack war. Ebenso erfüllte es ihn mit Stolz, dass einige seiner Schüler später auf bedeutsamen pädiatrischen Lehrstühlen tätig wurden. Im Oktober 2002 hielt Hans-Gerd Lenard seine Abschiedsvorlesung, der er in bezeichnender Weise das Thema „Die Pädiatrie meiner Zeit“ gab, ein Titel, der aus einer autobiographischen Rückschau stammt, die Adalbert Czerny 1939  schrieb.

Hans-Gerd Lenard war ein Individualist. Er war kein Lehrer mit pädagogischem Eifer für die breite Masse, was ihm gelegentlich als Arroganz ausgelegt wurde. Aber wer das Privileg hatte, ihn in der Pädiatrie seiner Zeit und all ihren einprägsamen Geschichten zu begleiten, konnte Vieles lernen. Hans-Gerd Lenard interessierte sich für jeden einzelnen Patienten in seiner Klinik und pflegte den regelmäßigen Dialog mit Schwestern, Ärzten und Eltern. Er hatte ein Gespür für seltene Diagnosen, eigenartige Befunde und Verläufe sowie ein phantastisch fotografisches Gedächtnis für Seltenes und Merkwürdiges. Er hatte eine breite und tiefe Literaturkenntnis und verfügte über eine umfangreiche Literatur- und Diasammlung, mit der er – ausdauernd suchend mit Pfeife im Mund – in der Regel die richtige Diagnose stellte. Eine Krankheit zu finden, die er noch nicht kannte, war dabei für ihn ein Hochgenuss.

„Medizin kann man studieren, Arzt muss man werden“. Hans-Gerd Lenard zeigte im Alltag immer wieder, dass die ärztliche Kunst weit mehr erfordert als ein Studium der Medizin und eine klinische bzw. klinisch-wissenschaftliche Ausbildung: Gesunden Menschenverstand und Augenmaß, Lebenserfahrung und Einfühlungsvermögen. Die faszinierenden Fortschritte, Möglichkeiten und Hoffnungen der technischen und molekularen Medizin betrachtete er mit Begeisterung aber auch mit erfahrungsbedingter Skepsis. Er verstand es stets, Neuerungen in einer Weise einzusetzen, dass sich die ihm anvertrauten Patienten und deren Eltern versorgt, verstanden und gut aufgehoben fühlten. Und er konnte Zurückhaltung, üben wie es Fontane in seinem Stechlin beschrieb und  lobte: „Aber zuletzt begibt man sich und hat die Doktors am liebsten, die einem ehrlich sagen: Hören Sie, wir wissen es auch nicht, wir müssen abwarten“.

Neben der Pädiatrie beschäftigte sich Hans-Gerd Lenard intensiv mit den philosophischen und ethischen Grundlagen ärztlichen Denkens und Handelns sowie mit medizinjuristischen Fragestellungen. 25 Jahre lang war er Vorsitzender der Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Hans-Gerd Lenard verstand sich auf Lebensgenuss. Seine Interessen und seine unbändige Neugier am Leben gingen weit über die Pädiatrie hinaus. Für Literatur, Kunst, Musik und gutes Essen war er stets empfänglich mit einem besonderen Hang zum Biedermeier und zum italienischen Lebensstil. Er spielte selbst Klavier, und wer mit ihm unterwegs war, musste sich beim Besuch von Antiquariaten und Antiquitätenläden in Geduld üben. In seiner  kaum mehr zu übersehenden historischen aber auch aktuellen Privatsammlung fand er für jeden Dialog stets die passende Literatur oder Musik.

Am 6. Dezember 2015 ist Hans-Gerd Lenard nach schwerer Krankheit in Düsseldorf mit 79 Lebensjahren verstorben. Er wurde in Ratzeburg, der Heimatstadt seiner Frau Babett beigesetzt. „Ach, sie haben einen guten Mann begraben!“ (Matthias Claudius). Für seine Familie, seine Freunde und seine Schüler war er weit mehr. Danke und Adieu!

Prof. Dr. Jutta Gärtner, Göttingen

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