Personalia

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Prof. Dr. Gerhard Ruhrmann 1927 - 2014

05.08.2014


(Foto: J. Schmetz)

Prof. Dr. med. Gerhard Ruhrmann starb friedlich am 26. Mai 2014.

Sein beruflicher Weg hatte ihn von Tübingen und Regensburg nach Hamburg geführt: Oberarzt des Kinderkrankenhauses St. Hedwig in Regensburg, stellvertretender Direktor der Universitäts-Kinderklinik und Dekan des Fachbereichs Klinische Medizin in Tübingen, Ärztlicher Direktor des Kinderkrankenhauses Hamburg-Rothenburgsort, Chefarzt der Pädiatrischen Abteilung des Kinderkrankenhauses Walddörfer in Hamburg-Duvenstedt und schließlich Ärztlicher Direktor des Katholischen Kinderkrankenhauses Wilhelmstift in Hamburg-Rahlstedt.

Ruhrmann wurde in Essen als zweites von fünf Kindern geboren und hatte mit seiner 1998 verstorbenen Frau Rosemarie zwei Söhne und zwei Töchter, drei Enkelkinder. Mit seiner zweiten Frau Hilde Mohr kamen noch drei weitere, bereits erwachsene, Kinder und zwei weitere Enkelkinder hinzu.

Ruhrmann ging in Essen und Linz am Rhein zur Schule und studierte in Mainz, Tübingen und Düsseldorf. Er promovierte in der Pathologie in Tübingen, wo er auch seine erste Assistenzarztstelle hatte. Er wurde Facharzt für Innere Medizin. Hierein fällt auch eine Zeit in Heidelberg bei Prof. Plügge, dem Begründer der Psychosomatischen Medizin. Ab 1957 durchlief er die Weiterbildung zum Pädiater in Tübingen, bei Prof. Nitschke. Hier engagierte sich Ruhrmann besonders in Fragen der psychosozialen Kindesentwicklung und in der pädiatrischen Hämatoonkologie, in welcher er sich 1965 über die Erythropoese des Frühgeborenen und des Säuglings habilitierte. Als weitere Interessen kamen die pädiatrische Infektiologie und Pulmologie hinzu, speziell beschäftigten ihn Mykoplasmen-Infektionen.

Bei allen Spezial-Interessen war er ein pädiatrischer Generalist, vermutlich einer der letzten - bei der zunehmenden Spezialisierung in der Pädiatrie überfordert dies heute einen einzelnen Menschen. 1970 wurde Ruhrmann zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Schon mit 32 Jahren wurde Ruhrmann Oberarzt, nach Nitschkes frühem Tod ein Jahr später kommissarischer Direktor der Universitätskinderklinik Tübingen. 1965 wechselte er als Oberarzt nach St. Hedwig in Regensburg zu Prof. Hannsler, dem er seit gemeinsamer Zeit in Tübingen besonders verbunden war; 1970 wurde er nach Tübingen zurückberufen, als Leitender Oberarzt und stellvertretender Klinikdirektor der Universitätskinderklinik, und 1972 auch als Dekan des Fachbereichs Klinische Medizin.

1973 erfolgte Ruhrmanns Berufung zum Direktor der Pädiatrischen Abteilung des großen und traditionsreichen, 1898 gegründeten, Kinderkrankenhauses Hamburg-Rothenburgsort, mit damals jährlich5000 stationären Patienten in 300 Betten. Dieses Krankenhaus prägte er als Ärztlicher Direktor aller Abteilungen, inclusive Kinderchirurgie, Kinderpsychiatrie, Anästhesie, Labor und Röntgen. Er brachte das Kinderkrankenhaus zu hohem Ansehen und großer Entfaltung, sowohl fachlich als auch durch psychosoziale Aktivitäten: Deutschlandweit führend war die Verwirklichung der Elternmitaufnahme, aber auch die Gründungeines ambulanten Kinderkrankenschwestern-Pflegedienstes, darüber hinaus kinderfreundliche Ausgestaltung der Stationen, Einrichtung von Spielzimmern, Elternabende mit Vorträgen, Kinderfeste und Konzertabende. Ruhrmanns Ausstrahlung beeinflusste die Pädiatrie im gesamten Stadtstaat und darüber hinaus; dies spiegelte sich wider in seinen Vorsitzen der Vereinigung Hamburger Kinderärzte und der Nordwestdeutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde.

Ruhrmann erlebte den Umbruch in der Krankenhauspolitik, der zur Schließung vieler Abteilungen und ganzer Kinderkrankenhäuser führte. Die Geburtenzahlen gingen zurück, die Verweildauer der Kinder in den Kliniken halbierte sich, sonst nur im stationären Bereich erbrachte Leistungen konnten jetzt ambulant angeboten werden. Der Bedarf an Kinderkrankenhausbetten sank, eine Entwicklung, die Ruhrmanns Ethik durch die Vermeidung von Hospitalisierungen sehr entsprach. Das Kinderkrankenhaus Hamburg-Rothenburgsort musste 1982 schließen. Ohne Untersuchung des Gebäudes war festgestellt worden, dass keine Möglichkeit zur Sanierung der Bausubstanz bestehe, dass das Gebäude unrettbar sei, dass ein Abbruch notwendig sei. Genau dieses Gebäude wurde bald mit hohem Qualitätsstandard zum heutigen Hygiene-Institut restauriert. Hier wurde Ruhrmann mit einer dunklen Machtpolitik konfrontiert, gegen die er mit seiner grundlegenden Anständigkeit nicht ankämpfen konnte. Nach der Schließung „seines Rothenburgsort" übernahm Ruhrmann die Leitung des kleineren Kinderkrankenhauses Hamburg-Duvenstedt, das zu einer Abteilung des Kinderkrankenhauses Wilhelmstift in Hamburg-Rahlstedt wurde. Von 1986 bis 1989 war er dessen Ärztlicher Direktor. 1991 wurde Hamburg-Duvenstedt aufgelöst. So spiegelt Ruhrmanns Lebenslauf den politisch-strukturellen Deutschland-weiten Wandel der stationären Pädiatrie - in Hamburg die Reduktion der stationären Kinderabteilungen von 1973 bis 1992 von elf auf fünf - wider.

In seinem chefärztlichen Ruhestand ab 1992 engagierte Ruhrmann sich in einem hamburgischen Ethik-Arbeitskreis zusammen mit Philosophen und Theologen, weitergehend auch in der evangelischen Akademie Bad Segeberg. Noch mit 75 Jahren war er als Pädiater für die Kinder der Dritten Welt in Indien, noch danach war er viele Jahre maßgebend tätig in der Hospizarbeit in der Region seines Wohnortes Reinbek bei Hamburg. Bis zum Herbst 2013 hat er den Vorsitz des Fördervereins der Kinderklinik Schwerin innegehabt. Nicht zuletzt dank seines Einsatzes steht dort, quasi vor den Toren Hamburgs, jetzt eine der wenigen deutschen nicht-universitären Maximalversorgungs-Kinderkliniken, auch mit Onkologie und Perinatalzentrum "level 1" - dies alles eingebettet in das elftgrößte Klinikum Deutschlands und menschlich geführt im Stil Ruhrmanns. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass Ruhrmann bis weit ins neunte Lebensjahrzehnt hinein selbst musizierte und engagiert Tennis spielte, kraftvoll und außerdem taktisch sehr spitzbübisch-geschickt.

Ruhrmann, geprägt durch seine Lehrer Nitschke und Hannsler, wurde und wird von seinen vielen Pädiaterschülern, in ganz Deutschland tätig, mit tiefer Dankbarkeit verehrt wie kaum ein anderer Chef. Die Kombination von fachlich-pädiatrischer und menschlicher Kompetenz bei gleichzeitigem wissenschaftlichem Engagement ist selten geworden. Vielleicht ist in den heutigen Strukturen des Gesundheitswesens ein solcher Charakter nicht mehr als Chefarzt denkbar, weil ohne eine erhebliche machtpolitische Begabung des Chefs eine Abteilung kaum überleben kann. Wie der langjährige Vorsitzende unseres Berufsverbandes, Kinderarzt Klaus Gritz, 2002 anlässlich Ruhrmanns 75. Geburtstag sehr treffend beschrieb, war Ruhrmann für seine Mitarbeiter von fühlbarer warmer Zuneigung geprägt, er beriet sie in allen Lebensfragen mit geradezu väterlicher Weisheit, dabei führte er sie „an der langen Leine“ und bot ihnen so die Möglichkeit, sich ganzindividuell zu entfalten. Es gelang ihm, mit wohlwollender und gleichzeitig zugewandter Neutralität die unterschiedlichsten Persönlichkeitstypen seiner Mitarbeiter miteinander zu integrieren, so dass viele von ihnen noch heute miteinander in Verbindung stehen. Neben seiner Klinik hat Ruhrmann sich bei größter Selbstbescheidenheit immer zutiefst engagiert den Problemen des anderen - Patient, Mitarbeiter oder einfach Mitmensch - gewidmet, stets ausgewogen, harmonisch, mit ausgesprochener Wärme und tiefer Verlässlichkeit.

Lassen Sie uns Herrn Prof. Dr. med. Gerd Ruhrmann im Gedächtnis bewahren als einen der letzten Chefärzte, die von tiefer ärztlicher Ethik sowohl übergeordnet-philosophisch als auch in jeder konkreten Lebenssituation in der Klinik und im gesamten Leben bestimmt waren - mit der Musik, tiefem Glauben und in den letzten 15 Jahren seiner Frau Hilde als stetig begleitenden Kraftquellen seines Lebens.

Prof. Dr. med. habil. Peter Clemens, Schwerin, ehemals Hamburg

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