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Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Theodor Friedrich Hellbrügge

19.03.2014


Bild: Theodor-Hellbrügge-Stiftung

Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Theodor Friedrich Hellbrügge

geb. 23. Oktober 1919, gest. 21. Januar 2014

 

Theodor Hellbrügge, einer der bedeutendsten deutschen Pädiater nach dem 2. Weltkrieg, ist im Alter von 94 Jahren am 21. Januar 2014 verstorben.

Sein umfassendes und in großen Teilen visionäres Lebenswerk, aber auch seine Persönlichkeit zu würdigen fällt schwer, weil dieser Versuch nur bruchstückhaft einige Daten beleuchten kann.

Theodor Hellbrügge, am 23. Oktober 1919 in Dortmund geboren, hat in Münster und München Medizin studiert. Schon bald nach Beendigung seines Studiums, die mit dem Ende des 2. Weltkrieges zusammenfiel, fand er 1946 als junger Assistent an der Kinderpoliklinik der Ludwig Maximilians- Universität- München bei der Untersuchung von Heimkindern heraus, dass diese deutliche Defizite in der psychomotorischen und kognitiven Entwicklung zeigten und durch Kontakthemmungen, Gefühlsarmut und Haltlosigkeit, im fortgeschrittenen Alter auch durch asoziales Verhalten und Kriminalität auffielen. Als Ursache hierfür machte Hellbrügge eine fehlende Bindung dieser Kinder zu ihren Müttern im frühen Kindesalter verantwortlich. Vergleichende Untersuchungen der Heimkinder mit solchen von Kindern, die unter der Obhut einer konstanten und festen Bindung zu ihren Müttern aufwuchsen, konnten darüber hinaus wissenschaftlich bestätigen, dass die psycho-soziale , motorische und kognitive sowie die Sprach-Entwicklung in einem bestimmten Zeitfenster ablaufen .Die Ergebnisse dieser Studien hat Hellbrügge in seinen Büchern „Kindliche Entwicklung und Sozialumwelt“  (1962) und „Die ersten 365 Tage im Leben eines Kindes“, das 1973 erschien und in 14 Sprachen übersetzt wurde, niedergelegt. Sie waren zusammen mit der Münchener Funktionellen Entwicklungsdiagnostik für das 2. und 3. Lebensjahr auch Grundlage für das Kinderfrüherkennungsprogramm, das auf ihn zurückgeht und 1971 eingeführt wurde. Neben diesen Untersuchungen zur Physiologie und Pathologie der kindlichen Entwicklung und ihrer Beeinflussung durch ökologische Faktoren erschienen in den Folgejahren Publikationen zur Arbeitsphysiologie des  Schulkindes, zur Schul- und Unterrichtshygiene sowie zur Chronophysiologie und –pathologie des Kindes.

Nach seiner Anerkennung als Facharzt für Kinderheilkunde hat er sich 1954 an der LMU München habilitiert, 1960 wurde er apl. Professor. In demselben Jahr gründete er die Forschungsstelle für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin. Die hier erarbeiteten Ergebnisse zur kindlichen Entwicklung veranlassten ihn im Jahre 1968 zum Aufbau des Kinderzentrums München als erster sozialpädiatrischen Institution für Entwicklungsrehabilitation mit Frühdiagnostik, Frühtherapie und früher sozialer Eingliederung, um eine gemeinsame Hilfe für mehrfach und  verschiedenartig behinderte Kinder durch Fachkräfte aus Kinderheilkunde, Kinderpsychologie, Heilpädagogik, Logopädie und Psychotherapie zu gewährleisten. Dieses Konzept zur Diagnostik und Therapie von behinderten Kindern durch ein multidisziplinäres Team wurde Vorbild für mittlerweile über 200 Sozialpädiatrische Zentren im In- und Ausland. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten sowie für sein soziales Engagement erhielt Hellbrügge bereits in den 60iger und 70iger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Reihe von Preisen und Auszeichnungen. In zunehmendem Maße wurde er auch in den Vorstand von Berufsverbänden und Gesellschaften berufen. Er war Gründungsmitglied des Berufsverbandes der Kinderärzte, gründete die Gesellschaft für Sozialpädiatrie und war Begründer sowie verantwortlicher Schriftleiter einer großen Zahl von Fachzeitschriften. Zahlreiche Ehrenmitgliedschaften in Fachverbänden und Gesellschaften folgten. Den vielfachen Verdiensten von Hellbrügge, die ihm hohes nationales und internationales Ansehen verschafft hatten, konnte sich auch die Medizinische Fakultät der LMU München und das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Bayern nicht verschließen, so dass Theodor Hellbrügge 1975 der erste deutsche Lehrstuhl für Sozialpädiatrie ad personam übertragen wurde.

Das Konzept von Hellbrügge für eine mehrdimensionale Diagnostik und Therapie sah auch die gemeinsame Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderung vor. So erfolgte 1968 mit Hilfe der von ihm ins Leben gerufenen Aktion Sonnenschein die Gründung eines Montessori-Integrationskindergartens, aus dem 1970 die integrierte Sonderschule nach Montessori mit integrierter Erziehung für Behinderte und Nicht-Behinderte erwuchs. Eine visionäre Grundidee, wenn man bedenkt, dass heute, 40 Jahre später, über Inklusion, die diese Form der integrierten Erziehung von Kindern benennt, auf Symposien und Kongressen sowie in den Medien intensiv diskutiert wird und sich dieses Konzept mehr und mehr durchsetzt.

Zeitgleich mit dem Aufbau des Kinderzentrums entstand unter dem Namen Deutsche Akademie für Entwicklungsrehabilitation, heute Deutsche Akademie für Entwicklungsförderung und Gesundheit des Kindes und Jugendlichen, eine Fortbildungseinrichtung für Kinderärzte, Sozialpädiater und Therapeuten, die seither durch Seminare und Symposien Inhalte der Kinderheilkunde, der Sozialpädiatrie einschließlich der Entwicklungsrehabilitation, der Frühdiagnostik und –therapie, der Zerebralparese sowie der Früherkennung von Sprachentwicklungsstörungen und Teilleistungsstörungen vermittelt. Seit über 40 Jahren veranstaltet die Akademie jährlich den Osterseminarkongress für Kinderärzte und den Herbstkongress für Sozialpädiatrie, die jeweils ein umfassendes Spektrum von pädiatrischen und sozialpädiatrischen Themen anbieten. Beide Kongresse, die über 25 Jahre von Hellbrügge geleitet wurden, erfreuen sich großer Beliebtheit. So konnten zum Osterseminarkongress in den letzten Jahren immer knapp 500 Kinderärzte/Innen begrüßt werden.

1985 konnten alle von Hellbrügge gegründeten Einrichtungen, das Kinderzentrum unter seinem Träger Bezirk Oberbayern, die Aktion Sonnenschein und die Akademie in einem Neubau zusammengeführt werden. Hier fand auch die Theodor Hellbrügge Stiftung und der seit 2011 durch sie finanzierte und  an der  TU München angesiedelten Lehrstuhl für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin, ihre Heimat.

Theodor Hellbrügge hat bei der Verwirklichung seiner visionären Ziele teilweise auch gegen die etablierte Pädiatrie angekämpft, die mit der Ausgliederung der Sozialpädiatrie aus dem Mutterfach eine Ausdünnung pädiatrischer Inhalte befürchtete. Hellbrügge konnte zuweilen ein unbequemer Mensch sein, der es durchaus verstand seine Ziele – wenn nötig- auch über die Politik und die Medien durchzusetzen.

Einige seiner Ansichten und Veröffentlichungen sind nicht unwidersprochen geblieben. So hat seine Kritik an einer außerfamiliären frühen Erziehung von Kindern kontroverse Diskussionen ausgelöst. In seinen letzten Lebensjahren hat er jedoch persönlich eine Reihe von Bindungsforschern durch den Gesell Preis ausgezeichnet, die nachweisen konnten, dass für die soziale, neurologische und kognitive Entwicklung des Kindes die frühe Bindung an eine Person, die auch eine andere als die Mutter, ja auch eine außerfamiliäre Person sein kann, entscheidend wichtig ist.

Im Bereich der Therapie der Zerebralparesen hat sich in der von ihm propagierten Therapie ebenfalls ein Paradigmenwechsel vollzogen. Auch wenn der Sinn einer Frühtherapie unbestritten ist, so gilt es nicht mehr primär und ausschließlich das pathologische Muster zu bearbeiten, sondern dem Kind eine Hilfestellung zu geben, damit es ein alltagsrelevantes Ziel erreicht.

Die seinerzeitige Loslösung des Münchener Kinderzentrums von den bestehenden Kinderkliniken entsprach sicher nicht seinem Wunschdenken, sondern war den obwaltenden, insbesondere den fehlenden finanziellen Ressourcen geschuldet, hat aber der Zusammenarbeit von Pädiatrie und Sozialpädiatrie nicht immer gut getan. Mit seinem Credo „Sozialpädiatrie ist alles...“ hatte Hellbrügge zumindest teilweise Recht, denn er wusste, dass alle in den Kinderkliniken betreuten chronisch kranken Kinder immer auch von Behinderungen betroffen sind, die diese Kinder und ihre Familien beeinträchtigen. Wenn in Zukunft die Versorgung aller behinderten Kinder verbessert werden soll, müssen daher Pädiatrie und Sozialpädiatrie an allen Standorten, an denen beide vertreten sind, strukturell und räumlich näher zusammenrücken. Dies würde auch helfen die Defizite in Grundlagenforschung, translationaler Forschung und Versorgungsforschung, die zweifellos in der Sozialpädiatrie bestehen, zu beseitigen bzw. zu reduzieren.

Theodor Hellbrügge war eine charismatische Persönlichkeit. Bis in sein hohes Alter war er geistig vital und immer neugierig. Ihn umgab eine Aura, die auch durch seine Herzlichkeit geprägt war. Sein Optimismus konnte auch nicht durch einen Narkosezwischenfall verhindert werden, der ihm einige zum Teil unangenehme Lähmungen einbrachte und seine physische Mobilität über viele Jahre beeinträchtigte.

Wenn er manchmal abhob , hat ihn seine Frau Jutta, die 2011 verstorben ist und von ihm und seiner Familie mit großer Fürsorge über viele Jahre ihrer Krankheit bis zu ihrem Tod gepflegt wurde, mit Bemerkungen wie „Jetzt hör aber mal auf Theo“, auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Schließlich hat sich Theodor Hellbrügge über immer neue Ehrungen, die er bis zuletzt erhielt, freuen können. 22 Ehrendoktorwürden, ungezählte Orden und Auszeichnungen haben ihm, aber auch uns allen gezeigt welche große Bedeutung seinem Lebenswerk im In-und Ausland beigemessen wurde. Aus einer Unzahl der Ehrungen möchte ich nur die Verleihung des großen Bundesverdienstkreuzes sowie die des am höchsten angesehenen  Preises der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), des Otto Heubner Preises, den er für sein Lebenswerk anlässlich der Jahrestagung der DGKJ in München 2008 erhielt, herausheben.

Mit seiner großen Familie, der 6 Kinder, 14 Enkelkinder und 13 Urenkelkinder angehören, trauert die große Gemeinde der Kinderärzte um einen großen Kinderarzt und Menschen, der die Kinderheilkunde und Jugendmedizin nachhaltig geprägt hat.

Prof. Dr. Dr. h. c. Dietrich Reinhardt

München

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