DGKJ-Konzept Soziale Prävention

Zentren für Kinder- und Jugendgesundheit – eine interdisziplinäre Aufgabe

Als wissenschaftliche Fachgesellschaft der Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland hat die DGKJ ein Konzept zur Sozialen Prävention erarbeitet, das wir Ihnen hier vorstellen möchten. Unsere Fachgesellschaft engagiert sich auf wissenschaftlichem wie auch auf politischem Terrain für diesen interdisziplinären Ansatz, mit dem die Kinder- und Jugendmedizin den „neuen Morbiditäten“ ihrer Patienten und der Entwicklung in der Kinder- und Jugendärzteschaft selbst begegnen kann.

Ausgangslage: Neue Morbiditäten, ungleiche Chancen

In den letzten Jahrzehnten ist eine Verschiebung des Krankheitsspektrums im Kindes- und Jugendalter zu beobachten: Von den akuten zu den chronischen Erkrankungen und von den somatischen zu den psychosomatischen und psychischen Störungen.

Die Verbreitung der sog. Neuen Morbiditäten ist für die Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland eine große Herausforderung: Objektiv haben Allergien und Asthma zugenommen, viele Kinder und Jugendliche sind übergewichtig oder adipös, und bemerkenswert ist der Anstieg von psychischen Auffälligkeiten, die die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) auf 21,9 % beziffert [1].

Höchst besorgniserregend ist die ebenfalls in der KiGGS-Studie belegte Abhängigkeit der Chancen auf ein gesundes Aufwachsen vom sozioökonomischen Status der Eltern: Bei den psychischen Auffälligkeiten liegt der Anteil der Kinder und Jugendlichen bei einem niedrigen sozioökonomischen Status der Eltern bei 31,2 %, bei denen aus einem Elternhaus mit hohen sozioökonomischen Status bei 16,6 %.


[1] U. Ravens-Sieberer · N. Wille · S. Bettge · M. Erhart. Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse aus der BELLA-Studie im Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS). Bundesgesundheitsblatt  50(5):871-78.

Abb.: Psychische Auffälligkeit nach sozioökonomischem Status, Vortragsfolie von Prof. Dr. Ravens-Sieberer für die DGKJ-Jahrestagung 2012: „Das Auftreten von Hinweisen auf psychische Auffälligkeit wird mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status der Familien (hier nach Winkler) signifikant häufiger.“ Nach Ravens-Sieberer et al. (2007)

Die gesundheitliche Chancengleichheit der Kinder in Deutschland ist nicht nur eine Aufgabe für die politisch Verantwortlichen. Die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland sieht es als übergreifendes Ziel, zu verhindern, dass Kinder aus erschwerten sozialen Verhältnissen, von einkommensschwachen Eltern oder mit einem niedrigen Bildungshintergrund häufiger adipös und verhaltensauffällig sind, psychische Probleme und Essstörungen aufweisen, weniger Sport treiben, seltener eine angemessene Zahnhygiene vermittelt bekommen und insgesamt schlechtere Gesundheitschancen haben.

Früh erkennen, früh aktiv werden

Betreuung, Lebensführung und Ernährung in den ersten Lebensphasen haben maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung von Krankheitsrisiken im späteren Leben. Wir müssen in diesem frühen Alter bei Problemen eingreifen, um eine drohende negative gesundheitliche Entwicklung aufzuhalten.

Die vorhandenen Früherkennungsuntersuchungen U1 - U9 sowie J1 sind dafür eine gute Basis, müssten aber durch eine Änderung des betreffenden § 26 SGB V zu echten Präventionsinstrumenten ausgebaut werden: Ziel sollte sein, dass der/die Kinder- und Jugendarzt/-ärztin den Fokus von der reinen Früherkennung von Krankheiten auf die gesamte gesundheitliche Entwicklung verlegt und damit mögliche Risikofaktoren wie Probleme im Bindungsverhalten, Misshandlung oder Vernachlässigung, psychische Belastungen, Verhaltensstörungen, Teilleistungsstörungen, negative Umwelteinflüsse, Fehlernährung, mangelnde Bewegung, Medienkonsum, beginnendes Suchtverhalten sowie psychische Belastungen oder Erkrankungen früh erkennen kann. 

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