Konzept Soziale Prävention (II)

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Dass ein verpflichtendes Einladewesen für die Früherkennungsuntersuchungen in fast allen Bundesländern eingeführt wurde, ist als große Chance für die Prävention zu sehen, denn so werden auch solche Kinder dem/r zuständigen Kinder- und Jugendarzt/-ärztin vorgestellt, die früher ohne diese ärztliche Betreuung auskommen mussten.

Interdisziplinäres Team: das „Kinder- und Jugendgesundheitszentrum“

Zu den ungünstigen Entwicklungschancen eines Kindes zählen Umstände, wie sie die BELLA-Studie eruiert hat: niedriger Bildungssta­tus der Eltern, alleinerziehende Eltern, frühe Elternschaft, soziale Benachteiligung sowie elterliche Belastungen. Auch heute schon ist der/die Kinder- und Jugendarzt/-ärztin gehalten, den festgestellten Störungen insbesondere im Rahmen der Früherkennungsuntersuchungen nachzugehen und die Eltern entsprechend zu beraten. Hier setzt das Konzept der DGKJ an, indem es diese Ausrichtung verstärkt und strukturiert:

In den zukünftigen Zentren/Praxen für Kinder- und Jugendgesundheit sollen nach Vorstel­lung der DGKJ Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern bei den Früherkennungsuntersu­chungen somatisch und entwicklungsbezogen, aber auch mit Blick auf ihr Umfeld untersucht und beraten werden. Die neuen Zentren oder Praxen zielen auf eine solche Betrachtung des Patienten, um psy­chosoziale Auffälligkeiten und Störungen sowie beginnende und chronifizierende Entwick­lungsstörungen frühzeitig zu erkennen, Therapieangebote zeitnah im Team abzusprechen und nachverfolgungsfähig in die Wege zu leiten. Die Kompetenz der Eltern soll bei Vorhandensein eines oder mehrerer Risikofaktoren zudem durch geeignete Maßnahmen (Beratung, Hausbesuche, Kurse, Entlastungsangebote etc.) gestärkt werden.

Für dieses Vorgehen bedarf es eines interdisziplinären Vorgehens, da hier Probleme berührt werden, die über die medizinischen Kompetenzen hinausgehen. Dabei würden die sozialen Probleme von den hierfür zuständigen Experten aufgegriffen werden: den verschiedenen Professionen der öffentlichen und freien Jugendhilfe, des öffentlichen Gesundheitsdienstes, der Familienbildung, der „Frühförderung“, der „Frühen Hilfen“. All diese Personen würden den initialen kinder- und jugendärztlichen Sachverstand und Beitrag aufgreifen und ihn für die Unterstützung des Kindes/Jugendlichen bzw. seiner Familie sinnvoll nutzen. Die Zusammenarbeit der beteiligten Professionen „unter einem Dach“, in einem Kinder- und Jugendgesundheitszentrum, erfolgt partnerschaftlich und auf Augenhöhe.

Multiprofessionelle Strukturen – Finanzierungsüberlegungen

Die Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte werden in diesen Strukturen weiterhin freiberuflich tätig sein. Möglich ist auch eine angestellte oder Teilzeit-Tätigkeit in einem solchen neuen Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit (z.B. auch in einem MVZ). Dies berücksichtigt die Erwartungen vieler junger Kinder- und Jugendärztinnen und –ärzte an ihr zukünftiges Arbeitsumfeld. Die übrigen Personen wie Kinderkrankenschwestern, Familienhebammen oder Mitarbeiter des Jugendamtes würden die Praxisräume nutzen, könnten teils auch freiberuflich tätig sein oder an das öffentliche Gesundheitswesen oder die Träger der Jugendhilfe angebunden sein. Die entsprechende Dienst- und Fachaufsicht liegt bei den Strukturen, die die einzelnen Fachkräfte finanzieren.

Die Strukturen des öffentlichen Gesundheitswesens (mit der Möglichkeit, nachrangig und aufsuchend tätig zu sein) sind für die Betreuung der ‚Risiko-Familien‘ wichtig und sollten für die Zukunft gesichert werden.

Angedacht sind aus wirtschaftlichen Gründen für die neuen Kinder- und Jugendgesundheitspraxen 4.000 bis 5.000 Behandlungsscheine/Quartal. Angesichts der Neuartigkeit der Struktur wäre eine betriebswirtschaftliche Assistenz eine sinnvolle Ergänzung, die wir von Seiten der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigungen, Krankenhausbetreibern, MVZs oder Krankenkassen erwarten. Die Umsetzung der neuen Strukturen erfolgt in Absprache mit niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen z. B. bei Praxisaufgabe und evtl. unter Federführung bereits niedergelassener KollegInnen. Jedem/r Kinder- und Jugendarzt/-ärztin ist natürlich auch weiterhin freigestellt, entsprechend den regionalen Strukturen, eine Einzelpraxis zu führen.

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