Kindergesundheit gehört als Thema in die Koalitionsverhandlungen

31.10.2013. - Als wissenschaftliche Fachgesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland hat sich die DGKJ an die derzeit in Koalitionsgesprächen befindlichen Politiker gewandt, um auf Aspekte der gesundheitlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen hinzuweisen, die einer besseren Regelung bedürfen.

Ein wichtiger Punkt ist die Chancenungleichheit für ein gesundes Aufwachsen. Die Erfahrung von mehrjähriger Armut in der Kindheit wurde zuletzt von dem neuesten UNICEF-Bericht über die Lage der Kinder in Deutschland öffentlich thematisiert. Das Aufwachsen in schwierigen sozialen Rahmenbedingungen wirkt sich häufig auch auf die gesundheitliche Entwicklung aus. Hier sehen wir noch viel Potential nicht nur für Sozialpolitiker, sondern auch für den Gesundheitssektor: Wir sprechen uns für ein Präventionsgesetz zu Beginn der Legislaturperiode aus. Verbessert werden sollten auch die Rahmenbedingungen für den Übergang von der Pädiatrie in die Erwachsenenmedizin sowie nicht zuletzt die Rahmenbedingungen für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen im Krankenhaus. Das DRG-Finanzierungssystem muss für die pädiatrischen Kliniken durch weitere Instrumente ergänzt werden, damit diese auch in Zukunft Kinder adäquat versorgen können.

Arzneimittel

Jedes Kind hat ein Recht auf sichere Arzneimittel. Wir erwarten von den politisch Verantwortlichen, dass Rahmenbedingungen für eine Verbesserung der Arzneimittelsituation für Kinder geschaffen werden. Ein großer Teil der Medikamente, z.B. auf pädiatrischen Intensivstationen, ist für Kinder nicht zugelassen, wird aber aus medizinischer Notwendigkeit dennoch verabreicht. – Dies ist ein Zustand, den wir nicht länger tolerieren wollen.

Prävention

In der Kindheit werden die Weichen für eine gesunde Lebensweise im Erwachsenenalter gestellt. Wir erwarten den Ausbau der bestehenden Früherkennungsuntersuchungen zu echten Präventionsinstrumenten. Ärztinnen und Ärzte sollten von der reinen Früherkennung von Krankheiten ihren Fokus auf die gesamte gesundheitliche Entwicklung eines Kindes legen können und wegen möglicher Risikofaktoren den Blick auch auf die Umgebung des Kindes ausdehnen. Ziel ist es, Probleme im Bindungsverhalten, Vernachlässigung, Verhaltensstörungen, Teilleistungsstörungen, Fehlernährung, mangelnde Bewegung, Medienkonsum, beginnendes Suchtverhalten möglichst früh zu erkennen und gezielt zu intervenieren.

Soziale Prävention

Jedes Kind hat ein Recht auf die Entfaltung seiner gesundheitlichen, psychosozialen und intellektuellen Möglichkeiten. Die aufgrund der sozioökonomischen Herkunft bestehende Ungleichheit der Chancen beispielsweise für eine gesunde psychosoziale Entwicklung sollte durch Stärkung der Elternkompetenz und ein möglichst frühes Eingreifen (Umsetzung
und flächendeckender Ausbau des Kinderschutzgesetzes) gewährleistet werden. Die Bundespolitik ist aufgerufen, hier die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen und zu überprüfen. Wir haben hierzu ein Konzept für einen interdisziplinären Ansatz entwickelt: In einem ambulanten Zentrum für Kindergesundheit sind neben medizinischen Experten auch
solche für soziale Probleme vertreten und unterstützen gezielt einzelne Familien.

Forschungszentrum für Kindergesundheit

In der Bundesrepublik Deutschland fehlt eine dringend notwendige medizinische Forschungseinrichtung auf nationaler Ebene, die das Kind bzw. den sich entwickelnden Organismus ins Zentrum rückt. Wir fordern die Etablierung eines Nationalen Forschungszentrums für Kindergesundheit, analog beispielsweise zum National Institute of Child Health in den USA. Nur in einem solchen nationalen Rahmen könnte z.B. auch die notwendige Versorgungsforschung in der Pädiatrie planvoll auf den Weg gebracht werden.

Transition

Chronisch kranke Jugendliche bzw. Teenager mit seltenen Erkrankungen sollten bei ihrem Übergang von der Kinder- und Jugendmedizin in die ‚Erwachsenenmedizin‘ unterstützt werden, damit sie die für sie langfristig notwendigen ärztlichen Spezialisten finden. Wirkungsvoll sind Case Manager, die Teenager betreuen; dringend notwendig ist aber auch ein etablierter Austausch der beteiligten Ärztinnen und Ärzte für Jugendliche und Erwachsene; hierzu sollte das SGB V nachgebessert werden.

Stationäre Versorgung der Kinder und Jugendlichen in Zukunft

Jedes Kind, das im Krankenhaus aufgenommen werden muss, hat ein Recht auf fachärztliche und wo notwendig auch spezialärztliche Versorgung in einer ihm angemessenen Umgebung; dies schließt die Pflege durch entsprechend spezialisiertes und geschultes Personal mit ein. Kinderkliniken und Abteilungen für Kinder- und Jugendmedizin müssen so aufgestellt werden, dass die darin tätigen, gut ausgebildeten Kinderkrankenschwestern und –pfleger ebenso wie Ärztinnen und Ärzte ihre Patienten fachlich auf einem hohen Niveau und in der Kindern und Jugendlichen angemessenen Weise versorgen können – so wie Sie es sich für Ihre Kinder, Enkelkinder, Neffen und Nichten wünschen, wenn diese ins Krankenhaus müssen.
Kinderkliniken und Abteilungen für Kinder- und Jugendmedizin sind aber derzeit strukturell und finanziell nicht so ausgestattet, dass dies in Zukunft ermöglicht wird. Wir erwarten Ihre Unterstützung zur Sicherung der stationären Versorgung für Kinder und Jugendliche und haben hierfür konkrete Verbesserungsvorschläge erarbeitet.