Bereichsnavigation
Leitfaden UAWs
Die Arzneimittelkommissionen der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) haben gemeinsam einen Leitfaden zur Meldung unerwünschter Arzneimittelwirkungen bei Kindern erarbeitet.
Junge Forschung im Profil: Dr. Marco Henneke
03.01.2011

Als Marco Henneke auf der DGKJ-Jahrestagung in Potsdam die Adalbert-Czerny-Medaille erhielt, konnte er anschließend auch die persönliche Gratulation des Bundesgesundheitsministers entgegennehmen, der zur Kongresseröffnung angereist war. Der Adalbert-Czerny-Preis gilt als die höchste pädiatrische Auszeichnung, die in Deutschland vergeben wird. Herr Dr. Henneke erhielt den Preis für seine Arbeit zur klinischen und molekularen Charakterisierung einer Leukoenzephalopathie (vgl. Monatsschrift Kinderheilkunde, Heft 11, November 2010, S. 1139).
Ausgangspunkt der prämierten Arbeit „RNASET2-deficient cystic leukoencephalopathy resembles congenital cytomegalovirus brain infection“ ist die Suche nach den genetischen oder aber erworbenen Ursachen einer ätiologisch wie klinisch heterogenen Krankheitsgruppe, den Leukoenzephalopathien. Bei diesen Erkrankungen liegen Störungen im Aufbau oder im Erhalt der weißen Substanz von Gehirn und Rückenmark vor, die zu unterschiedlichen neurologischen Symptomen und Beeinträchtigungen der psychomotorischen Entwicklung führen.
Bei Kindern, die sich vorgeburtlich mit dem Cytomegalievirus (CMV), der weltweit häufigsten angeborenen Virusinfektion, infizieren, kann sich eine zystische Leukoenzephalopathie entwickeln. Das gleiche charakteristische Muster von Hirngewebsveränderungen, die in der zerebralen Magnetresonanztomographie (MRT) und Computertomographie dargestellt werden können, und ähnliche klinische Symptome treten aber auch bei Kindern auf, die einen Defekt des RNASET2-Gens geerbt haben: Mit diesem Nachweis gelang Marco Henneke und seiner Arbeitsgruppe die Beschreibung der neu entdeckten „RNASET2-defizienten zystischen Leukoenzephalopathie“. Die Ergebnisse der Forschungen wurden in der internationalen Fachzeitschrift „Nature Genetics“ veröffentlicht.
Marco Henneke ist 37 Jahre alt. Nach dem Zivildienst studierte er an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf Humanmedizin und promovierte dort 2003 mit einer Arbeit zur Ahornsirup-Krankheit. Von 2002 bis 2003 war er als Arzt im Praktikum am Zentrum für Kinderheilkunde der Universitätsklinik Düsseldorf tätig, unterbrochen durch einen Forschungsaufenthalt in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Peter Nürnberg im Genkartierungszentrum des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin-Buch. Seit 2003 arbeitet Dr. Marco Henneke am Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin der Universitätsklinik Göttingen mit dem Schwerpunkt Neuropädiatrie unter der Leitung von Prof. Dr. Jutta Gärtner. 2008 legte er die Facharztprüfung für Kinder- und Jugendmedizin ab. Seine aktuellen Projekte werden u.a. durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Verbundprojektes „Netzwerk für Seltene Erkrankungen: German Leukonet“, durch ein fakultätsinternes Forschungsförderprogramm „Exzellenzgruppe Medizin“ und eine DFG-Sachbeihilfe realisiert.
Dr. Marco Henneke erläutert einen der Schwerpunkte seiner Forschungsarbeit der letzten Jahre, die Pelizaeus-Merzbacherähnliche Krankheit (Pelizaeus-Merzbacher-like-Disease, PMLD). Die klassische Pelizaeus-Merzbacher-Krankheit (PelizaeusMerzbacher-Disease, PMD) ist der Prototyp einer genetisch bedingten Leukoenzephalopathie mit primärer Hypomyelinisierung. Sie wird X-chromosomal-rezessiv vererbt und beruht auf unterschiedlichen Alterationen des PLP1-Gens, das für das Proteolipid-Protein1 (PLP1), innerhalb des ZNS eines der wichtigsten am Aufbau des Myelins beteiligten Strukturproteine, kodiert.
Patienten mit dem klinischen und MR-tomographischen Bild einer PMD, aber ohne nachweisbaren Defekt des PLP1-Gens werden der PMLD als nosologischer Entität zugeordnet: „Unsere Arbeitsgruppe konnte durch zahlreiche Kooperationen mit anderen in und ausländischen pädiatrischen Zentren eine größere Kohorte von Patienten mit PMLD rekrutieren. Wir waren zunächst an der Identifizierung des auf Chromosom 1 liegenden GJA12-Gens als neues Krankheitsgen für die PMLD beteiligt. GJA12 kodiert für das in der Evolution hoch konservierte Gap Junction Protein Alpha 12 (GJA12), inzwischen in GJC2 umbenannt und auch als Connexin (Cx) 47 oder 46.6 bekannt. Gap Junction Proteine gehören zu einer großen Familie von Transmembranproteinen, die durch Bildung interzellulärer Kanäle direkte Kommunikation zwischen benachbarten Zellen höherer Eukaryoten ermöglichen. In einer sich anschließenden Untersuchung unserer gesamten Kohorte konnten wir nur bei etwa 8% der Individuen krankheitsrelevante Alterationen des GJA12-Gens identifizieren, insgesamt fanden sich elf zuvor unbekannte Mutationen. Das Projekt zeigte, dass GJA12-Mutationen für diese Krankheitsentität eine eher seltene Ursache darstellen. Zellbiologische Studien einer anderen und unserer Arbeitsgruppe konnten inzwischen für einzelne GJA12-Mutationen entweder einen vollständigen Verlust (Loss-of-function) oder eine Störung der Kanalfunktion nachweisen. Hierdurch scheinen Verbindungen zwischen Astrozyten und Oligodendrozyten und so die Bildung und Erhaltung des Myelins beeinträchtigt zu werden. Die mögliche Differenzierbarkeit der PMD von der GJA12-assoziierten PMLD anhand klinischneurophysiologischer Untersuchungen untersuchten wir in einer retrospektiven Studie an einer größere Gruppe Betroffener. Die Akustisch Evozierten Potenziale (AEP) zeigten bei den PMLD-Patienten überwiegend sicher ableitbare Wellen III–V, während bei allen PMD-Patienten diese Hirnstammpotenziale erloschen waren. AEP stellen somit in der Klinik eine einfache primäre und nicht invasive Unterscheidungsmöglichkeit zwischen den beiden Erkrankungen dar und ermöglichen eine gezieltere genetische Diagnostik.“
So befasst sich auch Hennekes 2010 eingereichte Habilitationsschrift „Identifizierung und Charakterisierung neuer Krankheitsgene bei unklaren Leukoenzephalopathien“ mit der klinischen und bildmorphologischen Charakterisierung von Patienten mit unklaren Leukoenzephalopathien, deren Einordnung in Krankheitsentitäten und der anschließenden Aufklärung der zu Grunde liegenden Krankheitsgene. Diesem Ansatz wird Henneke auch in nächster Zeit treu bleiben, denn in der Kenntnis der Krankheitsgene findet er den entscheidenden Ausgangspunkt für die Erforschung der Pathogenese von genetisch bedingten Erkrankungen der weißen Hirnsubstanz und damit eine Grundlage für die Entwicklung zukünftiger therapeutischer Strategien.
Marco Henneke sieht in der ursächlichen Aufklärung eines bislang unklaren Krankheitsbildes auch die große persönliche Bedeutung für die Betroffenen und ihre Familien, insbesondere auch im Rahmen einer genetischen Beratung zur Einschätzung des Wiederholungsrisikos und zur Pränataldiagnostik. Auf die Frage nach seinem Arbeitsalltag sagt er: „Ich konnte in der Vergangenheit durch die in unserer Klinik vorhandenen Strukturen und die Einbindung in die von Universitätsmedizin und MaxPlanck-Instituten gebildeten Göttinger Neurowissenschaften meine klinische Tätigkeit als Kinder und Jugendarzt immer sehr gut mit meinen wissenschaftlichen Interessen verbinden. Diese Schnittstelle stellt den großen Reiz meiner klinisch-wissenschaftlichen Arbeit dar.“
Das ausführliche Literatur und Vortragsverzeichnis von Dr. Marco Henneke finden Sie hier.
Dr. Sybille Lunau
DGKJ-Geschäftsstelle