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Stellungnahmen - Archiv

Freisetzung von Phthalaten aus Infusionssystemen

17.04.2002


Verschiedene Phthalsäuredialkylester werden als Weichmacher dem Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC) zugesetzt. Am häufigsten wird das fettlösliche Diethylhexylphthalat (DEHP) eingesetzt, welches im PVC nicht chemisch gebunden ist und besonders durch Kontakt mit lipophilen Stoffen freigesetzt wird. Die durchschnittliche DEHP-Gesamtaufnahme der Verbraucher wird auf täglich etwa 0,002-0,003 mg/kg geschätzt (1).

Kinder können DEHP unter anderem durch Freisetzung aus PVC-haltigen Lebensmittelverpackungen, aus Weichplastik-Spielzeugen und ggf. auch aus Infusionssystemen aufnehmen (2,3).

Handelsübliche PVC-Schlauchsysteme für Infusionszwecke können ca. 40 % DEHP enthalten, das in vergleichsweise hohen Mengen durch Lipidemulsionen und fettlösliche Medikamentenzubereitungen herausgelöst wird (4-9). In einer jüngeren Untersuchung aus Mannheim betrug die DEHP-Freisetzung über 24 Std. aus üblichen PVC-Infusionsleitungen bei der Durchleitung von Lipidemulsionen 10,2 mg, bei Plasma (fresh frozen plasma) 0,55-8,1 mg und bei Propofol 6,6 mg (9). Bei der parenteralen Ernährung eines Frühgeborenen rechnen die Autoren mit einer parenteralen DEHP-Zufuhr zwischen 10 und 20 mg/Tag (9). Damit kann bei parenteral ernährten Säuglingen und Kindern die duldbare tägliche DEHP-Aufnahme (Tolerable Daily Intake, TDI) von 0,05 mg/kg sehr deutlich überschritten werden.

Phthalate weisen eine geringe akute Giftigkeit auf, können dosisabhängig bei chronischer Aufnahme aber gesundheitsschädlich sein (2, 10, 11). Hohe Zufuhren im Bereich von 40 bis etwa 800 mg/kg und Tag führten bei Tieren zu Peroxisomenproliferation, Leberfunktionsstörungen, Lebertumoren, Hoden- und Fruchtschäden (4, 12, 13). Allerdings weisen in vitro Studien an humanen Hepatozyten auf eine geringere Lebertoxizität als bei Hepatozyten von Nagetieren hin (14). Nicht sicher geklärt ist ein möglicher Zusammenhang zwischen DEHP-Aufnahme und dem Auftreten von Polyneuropathien (15). Bei beatmeten Frühgeborenen wurde das Auftreten pulmonaler Schäden mit dem DEHP-Gehalt der Beatmungsschläuche in Verbindung gebracht (16).

Empfehlung:

Im Sinne des vorbeugenden Gesundheitsschutzes empfiehlt die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, die DEHP-Zufuhr aus Infusionssystemen soweit als möglich zu vermeiden. Für die parenterale Ernährung in der Pädiatrie sowie die parenterale Zufuhr lipophiler Medikamentenzubereitungen sollten ausschließlich Mischbeutel und Schlauchsysteme verwendet werden, die nicht aus PVC gefertigt sind. Verfügbare und empfehlenswerte Alternativen sind aus Äthylenvenylacetat (EVA) hergestellte Mischbeutel bzw. mit Polyäthylen ausgekleidete Infusionsleitungen.

Literatur:

Technical Report No. 58. Assessment of non-occupational exposure to chemicals. ECETOC, Brüssel, 1994
Bundesamt für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) Pressedienst. Pressemitteilung 30/97. Weichmacher in Spielzeug für Kinder deutlich minimieren oder alternative Materialien einsetzen. BgVV Berlin, 1997
Kommission der Europäischen Gemeinschaften. Empfehlung der Kommission vom 1. Juli 1998 (98/485/EG) betreffend bestimmte Baby- und Spielzeugartikel aus phthalathaltigem Weich-PVC, die dazu bestimmt sind, von Kleinkindern in den Mund genommen zu werden. Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften, L 217/35-36, 5.8.1998
Kevy SV, Jacobsen MS. Hepatic effects of phthalate ester plasticizer leached from polyvinyl chloride bags following transfusion. Environ Health Perspect 1982;45:57-64
Allwood MC. The release of phthalate ester plasticizer from intravenous sets into fat emulsion. Int J Pharm 1986;29:233-236
Venkataramanan R, Burckart GJ, Ptachinski RJ, et al. Leaching of diethylhexylphthalate from polyvinyl chloride bags into intravenous cyclosporine solution. Am J Hosp Pharm 1991;48:1520-1524
Mazur HI, Stennett DJ, Egging PK. Extraction of diethylhexylphthalate from total nutrient solution-containing polyvinyl chloride bags. J Parenter Enteral Nutr. 1989 Jan-Feb;13(1):59-62.
Pearson SD, Trissel LA. Leaching of diethylhexyl phthalate from polyvinyl chloride containers by selected drugs and formulation components. Am J Hosp Pharm 1993;50:1405-1409
Loff,-S; Kabs,-F; Witt,-K; Sartoris,-J; Mandl,-B; Niessen,-K-H; Waag,-K-L. Polyvinylchloride infusion lines expose infants to large amounts of toxic plasticizers. J-Pediatr-Surg. 2000 Dec; 35(12): 1775-81
Calley JH, Needham TE, Sumner ED, et al. Toxicology of a series of phthalate esters. J Pharm Sci 1966;55:158-162
Singh AR, Lawrence WH, Autian J. Teratogenicity of phthalate esters in rats. J Pharm Sci 1972;61:51-55
Gray TJ, Beamand JA, Lake BG, Foster JR, Gangolli SD. Peroxisome proliferation in cultured rat hepatocytes produced by clofibrate and phthalate ester metabolites. Toxicol Lett 1982;10:273-279
Warren JR, Lalwani ND. Ready JK. Phthalate esters as peroxisome proliferator carcinogens. Environ Health Perspect 1973;3:91-94
Hasmall SC, James NH, Macdonald N, West D, Chevalier S, Cosulich SC, Roberts RA. Suppression of apoptosis and induction of DANN synthesis in vitro by the phthalate plasticizers monoethylhexylphthalate (MEHP) and diisonylphthalate (DINP): a comparison of rat and human hepatocytes in vitro. Arch Toxicol 1999;73:451-456 Ellenhorn MJ.
Ellenhorn's Medical Toxicology. Williams & Wilkins, 2nd ed., 1997
Roth B, Herkenrath P, Lehmann HJ, Ohles HD, Homig HJ, Benz-Bohm G. Di-(2-ethylhexyl)-phthalate as plasticizer in PVC respiratory tubing systems: indications of hazardous effects on pulmonary function in mechanically ventilated preterm infants. Eur J Pediatr 1998;147:41-46


Korrespondenz:
Univ.-Prof. Dr. Berthold Koletzko
Dr. von Haunersches Kinderspital der Universität München
Lindwurmstr. 4, 80336 München

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