Stellungnahmen

In ihren Stellungnahmen gibt die DGKJ offizielle Empfehlungen zu bestimmten Themen der Kinder- und Jugendmedizin. Die Stellungnahmen der DGKJ bzw. der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ), die hier ebenfalls veröffentlicht werden, gründen auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und werden von den einzelnen, fachlich zuständigen Kommissionen bzw. Sachverständigen erarbeitet.

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Missstände in der Vermarktung diätetischer Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke zur Verwendung bei Säuglingen

17.04.2002

Die Ernährungskommissionen der DGKJ und der ÖGKJ beobachten mit großer Besorgnis, dass in deutschen und österreichischen Supermärkten und Drogerieketten Nahrungen für Säuglinge angeboten werden, die für den Verbraucher wie Säuglingsanfangs- und Folgenahrungen wirken, tatsächlich aber nicht den europäischen und nationalen Richtlinien für die Zusammensetzung und Vermarktung dieser Nahrungen entsprechen.

Die europäische Gemeinschaft hat in der Richtlinie 1999/21/EG vom 25. März 1999 Vorschriften für diätetische Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke (bilanzierte Diäten) erlassen (1). Diese Richtlinie bezieht sich ausdrücklich auf bilanzierte Diäten zum Einsatz für Erwachsene und Kinder mit spezifischen Erkrankungen, die von Ärzten oder Heilberufsgruppen empfohlen und unter medizinischer Überwachung eingesetzt werden sollen. Diese bilanzierten Diäten können deshalb nicht als Lebensmittel des allgemeinen Bedarfs angeboten und für alle, auch gesunde Säuglinge eingesetzt werden. Diätetische Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke sind Produkte, von denen Patienten zur Erfüllung ihrer Ernährungsbedürfnisse abhängig sind (z. B. Aminosäurepräparate für Patienten mit angeborenen Stoffwechselkrankheiten), nicht aber Produkte zum Einsatz bei leichten Befindlichkeitsstörungen.

Derzeitige Praxis

In Deutschland und Österreich wurden nach dem Erlass der zitierten EU-Richtlinie Nahrungen für Säuglinge auf den Markt gebracht, die im Einzelhandel (Supermärkte, Drogerien, Drogerieketten) angeboten und ausgelobt werden für Säuglinge mit Spucken, Blähungen und milden Verdauungsstörungen (Produkte Beba Sensitive, Fa. Nestle; Comformil, Fa. Milupa; Enfamil comfort, Fa. Mead Johnson). Diese als sog. "Spezialnahrungen" ausgelobten Produkte wirken von der Präsentation her für den Verbraucher wie Säuglingsanfangs- bzw. Folgenahrungen, obwohl sie die europäischen und nationalen Vorschriften für die Zusammensetzung von Säuglingsanfangs- bzw. Folgenahrungen nicht erfüllen (2). Die Vermarktung richtet sich unmittelbar an die Verbraucher. Der nach dem europäischen Recht vorgeschriebene Einsatz von Lebensmitteln für besondere medizinische Zwecke nur aufgrund einer Empfehlung von Ärzten oder anderen Heilberufsgruppen und unter einer medizinischer Überwachung ist nicht gewährleistet. 

Für die hier in Rede stehen Produkte werden Wirkungsversprechen abgegeben, die aus Sicht der Ernährungskommissionen nicht begründet sind. Andererseits wird der Einsatz "von der ersten Flasche an" empfohlen. Dies widerspricht dem Grundsatz eines Lebensmittels für besondere medizinische Zwecke zur Behandlung einer Erkrankung, die nach der Geburt ja zunächst erst einmal diagnostiziert werden muss, bevor eine diätetische Therapie zum Einsatz kommen kann. Aufgrund der ausgesprochenen Werbebehauptungen sieht die Ernährungskommission die mögliche Gefahr, dass Mütter mit großer Besorgnis über milde Befindlichkeitsstörungen ihrer Säuglinge dazu verleitet werden, das Stillen vorzeitig zu beenden.

Die Ernährungskommission halten es in Übereinstimmung mit anderen Fachkommissionen (3,4) für unverzichtbar notwendig, dass diätetische Produkte für Säuglinge hinsichtlich ihrer angemessenen Zusammensetzung und ihrer Sicherheit überprüft werden. Aus unserer Sicht ist vor einem Verkauf diätetische Lebensmittel für besondere medizinischen Zwecke für Säuglinge und Kleinkinder die im Rahmen der EG-Richtlinie mögliche verpflichtende Anmeldung bei nationalen Behörden mit einer Prüfung der Eignung und Sicherheit unverzichtbar notwendig.

Schlussfolgerungen

Für diätetische Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke ist ein Anzeigeverfahren vorzusehen, so dass im Einzelfall eine Einwirkungsmöglichkeit auf Produktzusammensetzung, Darbietung sowie auf die durchzuführende Evaluation besteht. Gerade für bilanzierte Diäten für Säuglinge und Kleinkinder ist eine eingehende Evaluation von Effektivität und Sicherheit notwendig. 
Diätetische Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke mit Einsatz im Säuglingsalter müssen für den Verbraucher klar von Säuglingsanfangs- und Folgenahrungen unterscheidbar bleiben. Auf den Produktverpackungen müssen unmissverständliche Hinweise angebracht sein, die deutlich machen, dass diese Produkte nicht für die Ernährung gesunder Säuglinge vorgesehen sind. Es muss für den Verbraucher erkennbar sein, dass bilanzierte Diäten nur für ausgewählte Säuglinge mit definierten Erkrankungen auf ärztliche Empfehlung hin und unter fortlaufender medizinischer Überwachung einzusetzen sind. Um einem Missbrauch vorzubeugen, ist es wünschenswert, diese Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke nur über besondere Vertriebswege (z. B. Apotheken und medizinischer Fachhandel) abzugeben.

Zitierte Literatur

Kommission der Europäischen Gemeinschaften. Richtlinie 1999/21/EG der Kommission vom 25. März 1999 über diätetische Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke. Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften, L 91/19, 7.4.1999 
Kommission der Europäischen Gemeinschaften. Richtlinie 1991/321/EG der Kommission vom 14. Mai 1991 über Säuglingsnahrungen und Folgenahrungen. Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften, L175/35-49, 4.7.1991
Committee on Medical Aspects of Food and Nutrition Policy. Guidelines on the Nutritional Assessment of Infant Formulas. Department of Health Report on Health and Social Subjects 47. The Stationery Office 1996.
Committee on Nutrition, European Society for Paediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition (ESPGHAN). The Nutritional and Safety Assessment of Breast Milk Substitutes and other dietary products for infants: A commentary by the ESPGHAN Committee on Nutrition. J Pediatr Gastroenterol Nutr 2001;32:256-258


Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin (H.-J. Böhles, J. Henker, M. Kersting, B. Koletzko (Vorsitzender), M.J. Lentze, R. Maaser, F. Manz, F. Pohlandt)

Ernährungskommission der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (J. Deutsch, U. Goriup, H. Haas, B. Pitschnig, A. Pollak, I. Rock, W. Sperl, K. Widhalm, K. Zwiauer (Vorsitzender)
Korrespondenz:

Univ.-Prof. Dr. Berthold Koletzko
Dr. von Haunersches Kinderspital der Universität München
Lindwurmstr. 4, 80336 München

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