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Nachruf

17.12.2020

Prof. Dr. Eduard Seidler (1929 - 2020).

Bild: privat.

Am 7. Dezember 2020 ist in Freiburg Prof. Dr. Eduard Seidler (* 1929) hochbetagt gestorben. Seidler, Kinderarzt und Medizinhistoriker, erwarb sich in seiner langjährigen Tätigkeit als Wissenschaftler und Hochschullehrer herausragende Verdienste um die Geschichte der Kinderheilkunde, vor allem aber auch der deutschen Kinderheilkunde im 20. Jahrhundert.

Der Mannheimer Kaufmannssohn studierte seit 1947 Medizin in Mainz, Paris und Heidelberg. 1953 legte er das Staatsexamen ab und wurde zum Dr. med. promoviert. In Heidelberg absolvierte er bis 1961 bei Philipp Bamberger (1898-1983) auch seine pädiatrische Weiterbildung. Damals verfasste er bereits erste medizinhistorische Arbeiten, bevor ein Habilitationsstipendium 1963 den endgültigen Wechsel in die Medizingeschichte möglich machte. 1965 habilitierte er sich bei Heinrich Schipperges (1918-2003) mit einer Studie über die Heilkunde des Mittelalters in Frankreich. Bereits 1967 wurde er dann zum Ordinarius für Geschichte der Medizin an der Universität Freiburg berufen.

Auch nach seiner Emeritierung 1994 blieb er in der Historischen Kommission aktiv. Als deren Vorsitzender (seit 1984) wurde, angeregt durch Johannes Brodehl (1931-2006), das Schicksal jüdischer Kinderärzte in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus zum Schwerpunkt seiner umfangreichen internationalen Forschungstätigkeit. Auf der Grundlage seiner Arbeiten konnte 1998 in Dresden eine öffentliche Gedenkfeier der DGKJ für die zwischen 1933 und 1945 verfolgten, vertriebenen und ermordeten jüdischen Kolleginnen und Kollegen durchgeführt werden. 2003 erhielt er für diese auch über Deutschland hinauswirkenden Forschungen das Bundesverdienstkreuz. In der Laudatio hieß es zutreffend, er habe mit seiner Arbeit den Opfern des nationalsozialistischen Terrors ein Gesicht gegeben und dem Schicksal der zahlreichen betroffenen Kolleginnen und Kollegen ein bleibendes Denkmal gesetzt. Seidler verstand die Auszeichnung auch als eine Ehrung der gesamten deutschen Kinderheilkunde, die als erste medizinische Fachdisziplin diesen Weg der Aufklärung, der Besinnung und des Schuldeingeständnisses gegangen sei. Sein Buch „Kinderärzte 1933 - 1945, entrechtet – geflohen – ermordet“ erschien in zweiter erweiterter Auflage 2007 bei Karger (inzwischen auch digital: https://www.dgkj.de/die-gesellschaft/geschichte/juedische-kinderaerztinnen-und-aerzte-1933-1945).

Eduard Seidler wurde für sein Wirken vielfach geehrt. So war er seit 1994 Ehrenmitglied der DGKJ und erhielt 1999 den Otto Heubner-Preis; 2010 wurde er auf dem 113. Deutschen Ärztetag in Dresden mit der Paracelsus-Medaille ausgezeichnet.

Mit Rat und Tat nahm er bis zuletzt von Freiburg aus Anteil an der Arbeit der Historischen Kommission, jederzeit ansprechbar und hilfsbereit, informiert und interessiert. Die deutsche Kinderheilkunde verliert in Eduard Seidler nicht nur einen Chronisten, sie verliert einen Mentor, dessen sachkundige und freundlich-kritische Begleitung fehlen wird.

Für die Historische Kommission der DGKJ

Kurt Ullrich

Thomas Beddies

 

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