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Nachruf auf Prof. Dr. Remo Largo

19.11.2020

Remo Largo ist kurz vor seinem 77. Geburtstag am 11.11.2020 in Uetliburg, Schweiz verstorben.

Bild: O. Jenni
Prof. Dr. Remo Largo 1943 - 2020

Mit ihm verliert nicht nur die Kinder- und Jugendmedizin einen großen Advokaten der Kinder in ihrem Recht auf freie und gut begleitete Entwicklung. Remo Largo hat 2010 anlässlich der gemeinsamen Jahrestagung in Potsdam die Ehrenmitgliedschaft sowohl der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin als auch der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin erhalten. Nicht nur diese Koinzidenz, sondern auch die Überzeugung, dass sein Werk wesentlich ist für alle Kinderärzte, um Entwicklung im gesunden und kranken Kontext zu verstehen, hat uns veranlasst, seine besonderen Verdienste im Namen beider Gesellschaften gemeinsam zu würdigen, unterstützt auch durch die Gesellschaft für Neuropädiatrie. Sein Festvortrag bei der Jahrestagung hatte den programmatischen Titel "Bewusstsein für Kinder: Was Kinder wirklich brauchen“. [i] Ein Thema, das heute aktueller denn je erscheint.

Neben dem wissenschaftlichen Wirken hat er eine große Verantwortung übernommen gegenüber der Öffentlichkeit und den Familien. Er hat seine Erkenntnisse genutzt für eine nicht müde werdende Anwaltschaft für die Heranwachsenden. Babyjahre (1993) und Kinderjahre (2000) sind in zahlreichen Auflagen erschienen und haben viele Eltern unterstützt. „Seine Neigungen und Interessen richten sich nach seinem Entwicklungsstand. Das Kind ist kein Gefäss, das sich mit beliebigem Inhalt bzw. Erfahrungen füllen lässt“ (Kinderjahre, 11.Aufl., 2006, S. 91). Es folgten «Schülerjahre», «Jugendjahre», «Glückliche Scheidungskinder».

Remo Largo erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Guido Fanconi Preis der Schweizer Gesellschaft für Pädiatrie, den Preis der Schweizerischen Gesellschaft für angewandte Psychologie, den Preis der Züricher Hochschule für Pädagogik und den Arnold Gesell Preis- diese Liste zeigte bereits sein transdisziplinäres Verständnis und Wirken. Er als einzelner Wissenschaftler war schon in sich multiprofessionell.

Das Credo, dass nicht das Kind sich an die Umwelt, sondern die Umwelt an das Kind anzupassen habe, hat viele Jahrzehnte vorweggenommen, was heute als „Teilhabeorientierung“ beschrieben wird. Teilhabe (participation) heißt nichts anderes als „Eingebettet sein in Lebenssituationen“. Remo Largo hat diese neue Terminologie nie für sich in Anspruch genommen. Er hat auf der Grundlage des Wissens über die Kindesentwicklung und die therapeutische Sinnlosigkeit von über das Kind hinweggehenden, das Kind nicht einbindenden Förder- und Therapiemaßnahmen das Zurechterziehen des Kindes abgelehnt. Seine Stimme war immer vernehmlich zu hören und dennoch musste er sehen, dass die Freiräume und selbständige Gestaltung der Lebensräume und Beteiligung der Kinder durch eine auf Effizienzgewinn ausgerichtete Gesellschaft immer kleiner wurden.

2017 sagte er zornig „So kann es nicht weitergehen!“ [ii] Er sah die Bindungslosigkeit und emotionale Vernachlässigung als zunehmend grassierende Phänomene in allen Gesellschaftsschichten. Von den sechs Grundbedürfnissen des Menschen nach Geborgenheit, Leistung, körperliche Integrität, existenzielle Sicherheit, Selbstentfaltung und soziale Anerkennung werde Geborgenheit und soziale Anerkennung zu wenig befriedigt.

In einem Interview kurz vor seinem Tod sagte er: „Mein Leben hat alle Erwartungen übertroffen. … Beim ersten Hirnschlag habe ich das Sterben und den Tod verdrängt. Beim zweiten Hirnschlag hatte ich Todesängste. Es war einfach noch nicht Zeit zu sterben. Heute erhoffe ich mir den Tod als eine Form der Erlösung. So wie bei Kindern: Sie schlafen einfach ein, sie verlöschen. Das wünsche ich mir auch. Und es gibt noch ein Gefühl, das ich mit den Kindern teile. Zu Beginn des Lebens, in den ersten Lebensjahren, sind Kinder bedingungslos an ihre Eltern gebunden. Da gibt es dieses allumfassende Urvertrauen, dass die Eltern sich kümmern und es lieben. Dieses Gefühl empfinde ich auch am Ende des Lebens immer stärker, dass es da jemanden gibt, der zu mir schaut und mich liebt.“[iii]

Die Verbindung zu den Kindern, tiefes Vertrauen in ihre Fähigkeiten, ungeteilten Respekt für ihre Erfahrungen und Erlebniswelten noch im Angesicht des Todes berührt sehr und zeichnet diesen Mann aus- einen großen Kinderarzt und ein weiser Mensch.

Durch die drei Episoden einer schweren Erkrankung im Alter von 31, 52 und nun 77 Jahren, die Remo Largo mit Gehirnschlägen beschreibt, hat er Inseln eines vorgereiften Verständnisses für die Bedingtheit des menschlichen Lebens, die Fragilität und das Angewiesenseins auf Vertrauenspersonen entwickelt, was vielen doch erst mit der Weisheit des Alters gelingt.  

Für viele aus der nachfolgenden Generation der Kinder- und Jugendärzte, der Entwicklungspsychologen, -pädagogen und -neurologen wurde er aufgrund seiner persönlichen Haltung, der wissenschaftlichen Arbeiten und auf diesen Erkenntnissen gewachsenen Theorien zur kindlichen Entwicklung und seiner Anwaltschaft zu einem großen, ja wir können sagen, leuchtendem Vorbild. Dieses Leuchten ist vorübergegangen, die Spuren sind noch sichtbar und werden es lange sein.

 

Prof. Dr. Ingeborg Krägeloh-Mann, Präsidentin DGKJ

Prof. Dr. Ute Thyen, Präsidentin DGSPJ

Prof. Dr. Ulrike Schara, Präsidentin GNP

 


[i] Kinderärztlichen Praxis 82 (2011) Nr. 1, S. 49-52

[ii]https://www.luzernerzeitung.ch/schweiz/remo-largo-beruehmtester-schweizer-kinderarzt-so-kann-es-nicht-mehr-weitergehen-ld.82817 aufgerufen 15.11.2020

[iii]https://epaper.tagesanzeiger.ch/#article/20/Tages%2DAnzeiger/2020-11-14/39/118319294 aufgerufen 15.11.2020

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