Detail



Presseinfo: Kranke Kinder brauchen mehr!

07.10.2021

Die Versorgungsqualität gerät durch gesundheitspolitische Vorgaben zunehmend in Gefahr, warnt der derzeit in Berlin laufende Kongress.

Politik und Pädiatrie auf dem Kongress für Kinder- und Jugendmedizin

Kinderkliniken stehen schon lange unter immensem Kostendruck und müssen mit Bettenschließungen und Leistungseinschränkungen reagieren. Die Situation verschärft sich zusehends durch den Personalmangel in der Kinderkrankenpflege und durch die unzureichende Umsetzung des Pflegeberufegesetzes, die insbesondere die Kinderkrankenpflege gefährdet. Aktuell verstärken neue Verordnungsentwürfe für Personalschlüssel in der stationären Pflege die Sorge um die Versorgungsqualität für erkrankte Kinder und Jugendliche.

Kranke Kinder brauchen mehr – mehr Zeit und mehr Aufwand der pflegerisch und ärztlich Tätigen, eine auf sie zugeschnittene ganzheitliche Betreuung, Versorgung und Behandlung. Ihre Erkrankungen sind andere, der Krankheitsverlauf ist anders als in der Erwachsenenmedizin. Die spezifischen Anforderungen des kranken Kindes finden sich aber in den Vorgaben, Kalkulationen und Abrechnungsschemata der stationären und ambulanten Versorgung nicht mehr wieder“, fasst Prof. Jörg Dötsch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin (DGKJ), das Dilemma zusammen.

Die Kinder- und Jugendmedizin leidet wie andere medizinische Fachdisziplinen auch unter dem Fachkräftemangel. Hinzu kommt die große Vielfalt an Krankheitsbildern und Gesundheitsproblemen in einer äußerst vielschichtigen Patientengruppe von Geburt bis ins Erwachsenenalter.

Entscheidend für die kompetente Versorgung ist zunächst das Fachwissen, und hier wirkt sich die Reform der Pflegeberufe hin zu einer generalistischen Ausbildung äußerst negativ aus – in einem bedrohlichen Maß, wie die Kongresspräsidentin des Berufsverbands Kinderkrankenpflege, Birgit Pätzmann-Sietas erläutert: „Das Pflegeberufegesetz wird in einigen Bundesländern nur einseitig umgesetzt. Einige Länderverantwortliche versprechen sich durch die generalistische Ausbildung generell eine Verbesserung der Pflegesituation sowohl in Kliniken als auch in Pflegeheimen und ignorieren bisher die dramatischen Abbruchquoten in der Ausbildung und das Angebot an Ausbildungsplätzen für die Kinderkrankenpflege generell. Derzeit bieten nur zwei Drittel der Ausbildungsstätten die Vertiefung pädiatrische Versorgung und nur ein Drittel die Spezialisierung in der Kinderkrankenpflege an. Somit ist diese Versorgung für die Zukunft unterrepräsentiert: Wir stehen vor einem Versorgungskollaps in der Kinderkrankenpflege in allen medizinisch-pflegerischen Versorgungsbereichen!“

Dabei hatte gerade die Kinderkrankenpflege bis zur Novellierung des Gesetzes kaum Nachwuchssorgen und kaum Auszubildende, die die Ausbildung vorzeitig beendet haben, merkt der Verband an.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) warnt: „Es gibt aktuell schlicht zu wenig qualifizierte Pflegerinnen und Pfleger in der Kinder- und Jugendmedizin. Das gilt für die normale pädiatrische und kinderchirurgische Versorgung im Allgemeinen und die Kinder-Intensivmedizin und operative Kindermedizin im Besonderen. Dies bringt zunehmend Probleme in der pflegerischen Versorgung sowohl in der stationären wie auch in der ambulanten Kinder- und Jugendmedizin. Diese Entwicklungen führen zu Einschränkungen der medizinischen Versorgung, die durch Bettenschließungen, Schließungen von Operationssälen geburtshilflichen Einrichtungen oder gar Schließungen ganzer Krankenhäuser für die Notversorgung“, sagt Prof. Dr. Konrad Reinshagen, Tagungspräsident der DGKCH.

Mit der aktuell in Beratung stehenden Änderung der Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung (PpUGV) würde sich die Problematik weiter verschärfen, befürchten die Expert/-innen. Zwar beabsichtige der Entwurf, wie er kürzlich vom Bundesgesundheitsministerium an die Fachgesellschaften ging, mehr Versorgungssicherheit durch mehr Personal zu schaffen, würde aber an den Realitäten vorbeilaufen: Die dort zugrunde gelegten Personalzahlen seien schlichtweg praxisfern.

DGKJ-Präsident Prof. Dötsch: „Grundsätzlich begrüßen wir die Intention des BMG, die pflegerische Versorgung von kranken Kindern und Jugendlichen in der stationären Behandlung zu stärken! Ausgangspunkt jedoch sind Daten, nach denen die pflegesensitiven Bereiche anhand von Belegungstagen definiert werden. Für eine sinnvolle Kalkulation von Pflegepersonaluntergrenzen ist aber eine kinderspezifische Erhebung des Pflegebedarfs und –aufwands unumgänglich, um nicht an der Versorgungsrealität und dem tatsächlichen Bedarf zu scheitern.“

Eine sinnvolle Kalkulation von Pflegepersonaluntergrenzen kann zukünftig nur über eine fachspezifische Erhebung gelingen, erklären DGKJ und BeKD anlässlich des Kongresses für Kinder- und Jugendmedizin in Berlin: Dafür muss mittels pflegewissenschaftlicher Expertise der tatsächliche Aufwand für die kompetente Versorgung kranker Kinder und Jugendlicher ermittelt und kalkuliert werden. 

In einer gemeinsamen Stellungnahme, die Ende September beim Bundesgesundheitsministerium eingereicht wurde, bitten die Fachgesellschaften um Überarbeitung des Entwurfs.

Hinweis an die Redaktionen: 
Die Abstracts der wissenschaftlichen Beiträge, weitere Meldungen sowie eine digitale Pressemappe zu den Schwerpunkten des Kongresses können Sie hier abrufen.


Pressekontakt

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ)
Dr. Sybille Lunau
Chausseestr. 128/129 | 10115 Berlin
Tel. +49 30 3087779-14
presse(at)dgkj.de

Weitere (Presse-)Informationen zum Kongress

Mehr

Zurück