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Vinzenzia (Vinca) Šafár

Dr.med., Kinderärztin


Stadt / Region Wien
Adresse VIII, Schlösselgasse 22
Geburtsname / Alias geb. Landauer
Geburtsdatum 20.05.1891
Geburtsort Salzburg
Geschlecht (männlich/weiblich) weiblich
Sterbedatum 08.09.1983
Sterbeort Wien
Schicksal in Dt. Reich überlebt
Biografische Angaben

Studium in Wien, Promotion 1917; im I. Weltkrieg Sanitätsdienst in der österr. Armee in Südtirol. Ausbildung Univ. Kinderklinik Wien (Pirquet), „hauptsächlich Heilpädagogik unter Prof. Lazar und an der Poliklinik unter Prof. Reuss...ein kleiner, zartgliedriger Mann mit einem feinen gescheiten Gesicht, sehr musikalisch...von ihm lernte ich viel in Säuglingskunde.“

Ab 1920 Ambulatoriums-Ärztin am „Kinderambulatorium der Bezirkskrankenkasse (später Arbeiter-Kranken-Versicherungskasse, später Gebietskrankenkasse, zuerst christlich-sozial, dann sozialdemokratisch)“ im XVI. Bezirk (Ottakring). Fürsorge- und Schulärztin.

„Die Menschen dieses Vorortes waren damals Leute einer eigenen Gefühls- und Geistesrichtung: nüchtern bis zur Brutalität, unsentimental und dabei weich und hilfsbereit, wenn es darauf ankam, unehrlich und dabei nobel...Die Wohnungen waren klein, armselig, überbelegt, es kamen wohl einmal im Rausch Prügelszenen vor, aber ich erinnere mich an keinen Fall von Kinder-Mißhandlung, selbst wenn 6 Personen mit greinenden Kindern im Raum waren...Viel schwerer hatte ich es in der Nachmittagsfürsorge für die Kinder der Arbeitslosen. Die Arbeiterfürsorge bestand in einer kleinen Arbeitslosenunterstützung und in einer Kinderbeihilfe, die nur ausgezahlt wurde, wenn ihre Kinder in bestimmten Abständen ärztlich kontrolliert wurden. Die Arbeitslosigkeit hatte erschreckend zugenommen, die Leute waren verbittert und es gehörte eine Portion Takt und auch Mut dazu, den Eltern begreiflich zu machen, daß sie ihre Elternpflicht durch Pflege der Kinder auch dann erfüllen mußten, wenn sie arm waren... [Chef war] Doz. Friedjung [s.d.]...ein guter praktischer Kinderarzt, ein angeblich geschulter, aber nicht sehr guter Kinderpsychologe und ein salbungsvoller jüdisch sozialistischer Medizinpastor, ähnlich Gottvater mit einem kleinen weißen Umhängebart“.

1934-38 in ähnlicher Position im X. Bezirk (Favoriten). „Es war das ungeheuer große Reservoir an Menschen mit ihren Kindern, das mir medizinisch und menschlich eine hervorragende Lehre gab. Ich lernte schnelle Diagnosen zu machen mit Fingerspitzengefühl für das Aussehen und das Verhalten der Kinder, ich lernte an dem Gebaren und dem Pflegezustand der Kinder Rückschlüsse auf Charakter und Ordnungssinn der Eltern zu ziehen. Ich lernte durch die Gespräche mit den Leuten ihre Familienverhältnisse, ihre pekuniären sozialen und politischen Probleme kennen.“

1938 Entlassung. „1938 wurden die Kinderambulatorien im großdeutschen Reich unter Hitler aufgelöst. Wie sich das mit den Worten ‚sozial’ und ‚Aufzucht der Rasse’ vertrug, weiß ich nicht“.

Verheiratet mit PD Karl Šafár, Ophthalmologe. Peter Šafár (Sohn): “Although not Jewish, he was expelled because he refused to join the Nazi party and divorce my mother...whom the regime considered one-half or one-fourth ‘Jewish’. Her parents had been baptized, but on the birth certificate of her father’s parents ‘hebräisch’ was recorded for their religion. Therefore, in 1938 my mother was also dismissed from her job as a city-employed pediatrician.”

Familie überlebt in Wien. Noch 1942 als praktizierende Kinderärztin im Wiener Adreßbuch geführt [!]. “During Nazi time, she helped my father’s practice, and helped anti-Nazis. Many had mixed Jewish background. My parents’ fully Jewish friends and collegues emigrated quickly in 1938... [My father] was allowed to continue private practice and was half-time ‘dienstverpflichtet’ to give ophtalmology service in various hospitals in Vienna. At the end of the war, he became Professor, Acting Chairman of the University Klinik and then Chairman of Ophthalmology of the Vienna City’s Hospital (Lainz).”

V.S.: „Ich sah, daß jetzt die Juden die Hilflosen waren und schämte mich nicht, daß ich jüdisches Blut hatte, wenn auch jede Anspielung, daß ich nicht ganz ‚rein’ sei, mich zusammenzucken ließ. Ich sah plötzlich die Tatsache, daß ich nirgends hin gehörte und daß ich, wenn auch nicht persönlich verfolgt, weniger helfen konnte ohne Schaden für meine Familie.“

P.S.: After the war, Vinca did not resume pediatric practice, but helped her husband and advised children and grandchildren. Vinca was bright and fit until her sudden cardiac death in 1983, at age 92. My father was a courageous passive resistor. We were not self-sacrificing active resistors. Vinca said ‘we should have done more to help save others’. That, however, in an absolute dictatorship, would have been suicide”.

Quellen Vinzenzia Safar, Memoirs (V.S.); Korr. m. Prof. Dr. Peter Safar (Pittsburgh, Sohn, P.S.); Mittlg.Hubenstorf.

Abkürzungen, Literatur, Quellen:

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