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„…etwas finden, wofür man wirklich brennt“

04.01.2018


Preisverleihung auf der DGKJ-Jahrestagung 2017: Prof. Dr. Mayatek, Dr. Pirr (mit ihrem Sohn Julius). [Foto: DGKJ/Wachenfeld]

Interview mit Dr. Sabine Pirr, Adalbert-Czerny-Preisträgerin 2017


Dr. Sabine Pirr, 38, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunktbezeichnung Neonatologie, tätig am Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin der MH Hannover, wurde 2017 mit dem Adalbert-Czerny-Preis für ihre Arbeit „S100-alarmin-induced innate immune programming protects newborn infants from sepsis“ (Nature Immunology, https://doi.org/10.1038/ni.3745) ausgezeichnet.


Frau Dr. Pirr, mit welchen Projekten starten Sie ins Neue Jahr?
Bislang war ich 100 % klinisch tätig und habe die Forschungstätigkeit „on top“ gesetzt. Für 2018 habe ich mich um ein Habilitationsstipendium bemüht, das Ellen-Schmidt-Programm der MHH, das es mir ermöglichen wird, noch mehr Zeit in die Forschung zu investieren. Ich möchte mich noch intensiver mit dem Immunsystem Früh- und Neugeborener beschäftigen.

Sie sind eingebunden in die AG von Prof. Dr. Dorothee Viemann an der MHH, wo auch Ihre preisgekrönte Arbeit entstand.
Genau. Unsere AG besteht aus einem großartigen Team an wissenschaftlichen Mitarbeitern und ärztlichen Kollegen, und zusammen mit unseren Kooperationspartnern in Bonn, Münster und Hannover konnte diese umfassende Arbeit entstehen. Wir befassen uns mit dem Immunsystem von Neu- und Frühgeborenen und den spezifischen Immunreaktionen der ersten Lebenstage, -wochen und -monate und haben uns zum Ziel gesetzt, die Besonderheiten des Immunsystems einschließlich der molekularen Mechanismen, die es vom Immunsystem
des Erwachsenen unterscheidet, aufzuklären.

Ihre Arbeit widerlegt die Annahme, das Immunsystem sei bei der Geburt noch unreif. Stattdessen handelt es sich bei der ausbleibenden Reaktion etwa auf Bakterien um eine sinnvolle Programmierung?
Ja, man könnte das Bild eines „Sparprogramms“ verwenden, das überschießende Entzündungsreaktionen verhindert ohne die Pathogenabwehr zu beeinträchtigen und die bakterielle Kolonisation des Neugeborenen zulässt. Die Entwicklung des Immunsystems im 1. Lebensjahr konnten wir mittels der Immunzellen im Blut von reifen Neugeborenen und Säuglingen beobachten und analysieren: Durch die Freisetzung von S100-Alarminen werden überschießende Entzündungsreaktionen verhindert, solange regulatorische Programme noch nicht aktiv sind. Im Lauf der ersten Lebenswochen wird dieser Schutz durch die zunehmende Fähigkeit zur zelleigenen Selbstregulation abgelöst. Wird dieser spezifische Mechanismus der peripartalen Programmierung und postpartalen Reprogrammierung gestört, kann es zu überschießenden Inflammationsreaktionen kommen, wie sie in der schweren Sepsis bei Neu- und Frühgeborenen auftreten.

Und in diesem Kontext wollen Sie weiterforschen?
Unsere Arbeitsgruppe wendet sich nun – nachdem bislang die reifen Neugeborenen im Fokus standen – den Prozessen des Immunsystems bei Frühgeborenen und der Rolle der S100-Alarmine bei dessen Programmierung und postpartaler Reprogrammierung zu! Des Weiteren wollen wir den Einfluss von S100-Alarminen auf die bakterielle Darmbesiedlung des Neugeborenen weiter beleuchten, da eine fehlerhafte Besiedlung weitreichende Folgen für das gesamte weitere Leben des Kindes haben kann. So ist eine sogenannte Dysbiose mit verschiedenen Erkrankungen wie Asthma, Diabetes und chronisch entzündlichen Erkrankungen assoziiert und eine positive Einflussnahme auf die Besiedlung wäre hinsichtlich der Risikosenkung für genannte Erkrankungen sehr interessant.

Sehen Sie hier Perspektiven für die klinische Umsetzung?
Sicher nicht zeitnah, aber es zeigen sich erste Hinweise darauf, dass die Verabreichung von S100-Alarminen ein vielversprechender Ansatz zur Vermeidung von überschießenden Inflammationreaktionen oder einer Dysbiose sein könnte. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Bislang waren Sie sowohl klinisch und auch forschend tätig und haben zudem eine junge Familie. Alles zusammen ist vorsichtig gesagt arbeitsintensiv – wie haben Sie das geregelt?
Keine Frage, Organisation und Logistik sind da unverzichtbar, was auch im familiären Bereich – unsere Söhne sind 2 und 4 Jahre alt – für meinen Mann und mich gilt. Das ist aber alles machbar, und Angebote wie z. B. der Betriebskindergarten sind neben der Familie eine gute Unterstützung.

Haben Sie für forschungsbegeisterte Kolleginnen und Kollegen einen Tipp?
Wissenschaftlich und fachlich sehr wertvoll: ein Mentor, eine Mentorin. Ich habe das Glück, sowohl im wissenschaftlichen als auch im klinischen Bereich mit Prof. Viemann und Prof. Bohnhorst großartige fachliche und auch persönliche Unterstützung zu erhalten. Wenn man Klinik und Forschung vereinen will, sollte man sich im klinischen Bereich sicher fühlen, Erfahrungen sammeln, ein gewisse Routine entwickeln. Es liegt so viel Verantwortung in der Versorgung der Kinder! Mit der Sicherheit wächst dann aber auch die Freiheit, sich mit neuen Fragestellungen auseinanderzusetzen, neue Inhalte kennen zu lernen und etwas zu finden, wofür man wirklich brennt. Wo kann ich was bewegen, wo braucht es mehr Wissen, um zu helfen – wo lässt sich was verbessern? Wir haben ja die Motivation täglich vor Augen.

Adalbert Czerny, der „Patron“ des Wissenschaftspreises der DGKJ – was verbinden Sie mit seinem Namen?
Er war – wie auch Otto Heubner – einer der Pioniere, deren Arbeit innovativ war und enorme Fortschritte in der Versorgung kranker Kinder bewirkte. Solche Sprünge der Erkenntnis wie zur damaligen Zeit sind heute kaum vorstellbar, obwohl die Forschung für Kinder selbst doch um einiges leichter und anerkannter geworden ist!

Das Gespräch mit Frau Dr. Pirr führte Dr. Sybille Lunau, DGKJ-Geschäftsstelle.

 

 

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