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Nachruf auf Prof. Dr. Gerhard Gaedicke

14.06.2017


Prof. Dr. Gaedicke (Bild: MUI)

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin nimmt mit Trauer Abschied von Univ.-Prof. Dr. Gerhard Gaedicke, dem ehemaligen Direktor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Blutstammzelltransplantation der Charité, der in den letzten Jahren als Direktor die Universitätskinderklinik in Innsbruck leitete.

Vor kurzem wurde er aus dem Amt in höchsten akademischen Würden verabschiedet. Die Nachricht über sein plötzliches Ableben am 5. April diesen Jahres, kurz vor seinem 73. Geburtstag, ist ein zutiefst bedauernswertes Ereignis.

Prof. Dr. Gerhard Gaedicke wurde am 16. April 1944 in Villach geboren. Nach dem Medizinstudium an der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg hatte er dort 1970 promoviert und seine ersten Jahre im Fach Kinder- und Jugendmedizin gewirkt. Freunde und Kollegen aus der Zeit beschreiben ihn schon damals als einen von der Kinderheilkunde faszinierten Arzt, der es verstand, mit großer Begeisterung das facettenreiche Fach in seiner Breite und Tiefe zu erfassen und mit Enthusiasmus seine Kenntnisse weiterzugeben. Es war eine prägende Zeit, die ihn mit ausgesprochen breiten Kenntnissen in vielen Bereichen der Kinderheilkunde ausstattete und zu einem wahren „Allrounder“ im gesamten Fach gemacht hat. Diese Eigenschaft blieb ihm erhalten, eine Besonderheit, die man selten antrifft, mit Blick auf die besonderen Anforderungen an die Vita eines Universitätsprofessors und der damit verbundenen hochspezialisierten Vertiefung in Forschung, Lehre und Krankenversorgung.

Die grundlagenwissenschaftliche Ausbildung erfuhr Gerhard Gaedicke am Max Planck Institut für Experimentelle Medizin in Göttingen und wechselte 1973 von dort an die Universitätskinderklinik in Ulm. Mit dem Wechsel als Oberarzt an die Universitätskinderklinik Ulm vertiefte er sein besonderes Faible für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie und habilitierte sich unter Prof. Enno Kleihauer 1980 auf diesem Gebiet. In besonderem Maße interessierte er sich für die Biologie der Thrombozyten. Gleichzeitig gelang es ihm, die Breite des Fachs klinisch zu beherrschen, indem er auch Schwerpunktweiterbildungen in der Neonatologie und der pädiatrischen Intensivmedizin absolvierte. So wurde er zunächst Chefarzt der Kinderklinik St. Elisabeth in Ingolstadt.

1992 erhielt Prof. Gaedicke den Ruf an die Humboldt Universität zu Berlin auf den Lehrstuhl für Pädiatrie, der Ende des 19. Jahrhunderts als erster Lehrstuhl für Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland überhaupt eingerichtet wurde. Er leitete in dieser Position auch die Universitätskinderklinik der Charité am heutigen Campus Mitte. Es ist somit nicht übertrieben, ihn als einen Nachfolger Otto Heubners zu bezeichnen. Er übernahm damit eine Professur mit tiefer pädiatrisch- historischer Wurzel, und den damit verbundenen Aufgaben widmete er sich mit größter Hingabe in beispielhafter Art und Weise.

Im Rahmen dieser Professur hatte er den Wiederaufbau einer universitären Pädiatrie auf höchstem Niveau und der dafür erforderlichen Forschungsstrukturen an der Charité der Nachwendezeit eingeleitet. Er richtete u.a. eine durch die DFG geförderte Klinische Forschergruppe zum Thema „Molekulare Pädiatrie ein, in der zahlreiche Arbeitsgruppen örtlich und inhaltlich Raum für innovative Forschung fanden. Aus dieser Einrichtung in der Ziegelstraße sind nicht nur zahlreiche wichtige neue Erkenntnisse für das Fach Kinderonkologie erarbeitet, sondern auch neue Behandlungsmöglichkeiten erforscht und in die Klinik gebracht worden. Eine Vielzahl von Promotionen und Habilitationen sind entstanden, viele Nachwuchswissenschaftler sind herangereift, einige davon heute mit Lehrstühlen an angesehenen Universitäten Deutschlands. Auch die klinische Versorgung an der Universitätskinderklinik der Charité erfuhr einen Innovationswandel durch den Aufbau einer Blutstammzelltransplantation für Kinder- und Jugendliche.

Eine besondere Herausforderung in dieser Zeit war die Fusion der Kinderklinik der Charité mit der Kinderklinik der Freien Universität Kaiserin Auguste Victoria Haus und der Städtischen Kinderklinik Wedding, die 1996 als Kinderkliniken der Charité gemeinsam unter das Dach der neuen Klinik am Campus Virchow zogen. In der schwierigen Zeit des Zusammenwachsens bewies er viel Geduld und Zuversicht, dass sich das „Otto-Heubner-Centrum für Kinder-und Jugendmedizin“ mit einer in Deutschland einzigartigen Vielfalt wissenschaftlich profilierter Subspezialitäten zu einem Ort der internationalen Spitzenmedizin entwickeln konnte.

Eine wesentliche Voraussetzung dafür war seine sehr gute nationale und internationale Vernetzung mit Klinikern und Wissenschaftlern von Weltruf, die es seinem klinisch-wissenschaftlichen Nachwuchs ermöglichte, die Faszination der Forschung auf höchstem Niveau zu erfahren. Besonders ausgeprägt war die „Berlin-La Jolla-Connection“, die er sich durch zahlreiche Reisen und Besuche erarbeitete und über die Jahre pflegte und ausbaute. Langjährige Freundschaften sind daraus entstanden. Ralph Reisfeld, Carlos Barbas, Ernest Beutler und Wolfgang Wrasidlo sind einige wichtige Beispiele.

Es entstanden eine Vielzahl von klinisch-wissenschaftlichen Kollaborationen und Projekten, die es seinen Nachwuchswissenschaftlern ermöglichten, durch Fellowships an hochrangigen Institutionen ihre wissenschaftliche Ausbildung zu vertiefen. Nach deren Rückkehr wurde häufig die grundlagenwissenschaftliche Erfahrung in translationalen Projekten fortgeführt, aus denen neue Therapien entstanden sind, die heute Kindern mit Krebserkrankungen zu Gute kommen.

Was Prof. Gaedicke immer besonders am Herzen lag, war eine hervorragende studentische Ausbildung zu gestalten. Dies gelang ihm durch eine gute Organisation pädiatrischer Lehrveranstaltungen. Besonders beeindruckte sein hoher persönlicher Einsatz in einer Vielzahl extracurricularer Lehrveranstaltungen, die er über die Jahre selbst organisiert und durchgeführt hatte, die immer äußerst nachgefragt waren. Ihm war es dabei immer besonders wichtig, dass Studierende über das Pflichtangebot hinaus die Gelegenheit bekamen, über den Tellerrand hinauszusehen, und das ist ihm beispielhaft gelungen.

Sein außergewöhnlich hohes Engagement in der Lehre wurde besonders im Reformstudiengang an der Charité deutlich, den er wesentlich organisierte, inhaltlich gestaltete und nach seiner Emeritierung 2010 leitete. Der Reformstudiengang war deutschlandweit die erste umfassende Reform des Medizinstudiums mit innovativen Lehr-, Lern- und Prüfungsformaten mit wesentlichen Elementen wie Kommunikation/ Interaktion und Problemorientiertes Lernen. 

Prof. Gaedicke war im Vorstand diverser nationaler und internationaler Fachgesellschaften, sowie auch Mitglied des deutschen Komitees der UNICEF und war international breit vernetzt.

In der DGKJ war Prof. Gaedicke (zusammen mit Prof. Wahn) Tagungspräsident der 100. DGKJ-Jahrestagung in Berlin im Jahre 2004. Diese Tagung wurde gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft durchgeführt.

Als Vorsitzender der Historischen Kommission der DGKJ von 2008–2012 war es Prof. Gaedicke ein ganz besonderes Anliegen, die Aufarbeitung der Rolle des Nationalsozialismus für die Deutsche Pädiatrie und der davon betroffenen jüdischen Kinderärzte und –ärztinnen fortzusetzen. Persönlich hatte er sich um das Gedenken an die Flucht der Familie Beutler gekümmert. 1935 wurde Dr. Käthe Beutler, Kinderärztin an der Charité, während des Nationalsozialismus aus Berlin vertrieben. Prof. Dr. Ernest Beutler, ein Pionier der Hämatologie, sowie Prof. Dr. Bruce Alan Beutler, Nobelpreisträger für Medizin 2011, waren jeweils Sohn und Enkel von Käthe Beutler. Prof. Gaedicke hatte die Geschichte der Familie durch Interviews auf zahlreichen USA-Reisen aufgearbeitet und durch das Symposium „Familie Beutler – Charité“ im Februar 2016 einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen des Schicksals jüdischer Ärzte im Nazi-Deutschland geleistet.

Ende 2011 holte ihn der damalige Rektor Prof. Dr. Herbert Lochs an das Department für Kinder- und Jugendheilkunde der Medizinischen Universität Innsbruck, um die dortige Kinderklinik nach einer unruhigen Zeit zu konsolidieren. Durch seine ruhige Art, aber auch aufgrund seiner Leidenschaft für die Kinderheilkunde, gelang es ihm, diese wieder rasch in ruhige Bahnen zu lenken. Nach erfolgreicher fünfjähriger Amtszeit trat Prof. Gaedicke am 17. März 2017 in den Ruhestand.

Es ist zu bedauern, dass es ihm nicht vergönnt war, diesen Ruhestand mit seiner Familie zu genießen. Die DGKJ und seine Schülerinnen und Schüler werden ihm ein bleibendes Andenken bewahren.

 

In stiller Trauer,

Prof. Dr. Holger Lode, Greifswald

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